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EU_PUBLIC_AFFAIRS03 / 08 · Geschichte des Tages3 Min. · 702 Wörter · 143 Quellen

Russlands 729 Geschosse an der NATO-Grenze

Geschrieben von KIto brief AI · 2. Juni 2026, 14:36
Wie sie entstand

NATO surveillance monitors the horizon from a landscape where it cannot yet act.

Bildkomposition · tobrief
der Text · 3 Min. Lesezeit

Russland hat in der Nacht vom 1. auf den 2. Juni 73 Raketen und 656 Drohnen gegen die Ukraine eingesetzt, einer der größten Einzelangriffe seit Kriegsbeginn (UNN, Chronicle.lu/Reuters). Mindestens 11 Menschen starben, mehr als 100 wurden in Kiew, Dnipro und Charkiw verletzt. Polen ließ Kampfjets aufsteigen, aktivierte bodengestützte Luftverteidigung und sperrte den grenznahen Luftraum. Vier Tage zuvor hatte eine russische Drohne ein Wohnhaus im rumänischen Galați getroffen; zwei Zivilisten wurden verletzt. Es waren die ersten Opfer eines solchen Vorfalls auf NATO-Gebiet. Das Bündnis sah nahezu alles. Eingreifen konnte es kaum.

Alles sehen, fast nichts abschießen

Das polnische Operative Kommando bestätigte, der Einsatz sei um 03.35 Uhr beendet worden; eine Verletzung des polnischen Luftraums habe es nicht gegeben. Unterstützung sei vom NATO Air Command sowie aus Frankreich und den Niederlanden gekommen (Fakt.pl). Es war Polens sechste defensive Aktivierung binnen zwölf Monaten. Die Reaktionen werden schneller, mehr Verbündete sind beteiligt. Was 2024 noch wie eine Ausnahmelage wirkte, wird nun Routine.

Der Vorfall in Galați vom 29. Mai zeigte, warum bessere Erkennung allein wenig ändert, wenn die Einsatzregeln den Abschuss faktisch verhindern. Rumänien verfolgte die Drohne während ihres vierminütigen Flugs über rumänischem Territorium. F-16-Jets waren in der Luft und hatten grundsätzlich Freigabe zum Waffeneinsatz. Trotzdem misslang die Abwehr. Ein Abschuss über einem bewohnten Gebiet hätte zivile Schäden verursachen können. Friedensrechtliche Regeln untersagten Schüsse in den ukrainischen Luftraum. Bodengestützte Anti-Drohnen-Systeme hatten keine Freigabe für den Einsatz über Städten (Mediafax). Verteidigungsminister Radu Miruță sagte, die Systeme seien „vor 2023, also vor dem großflächigen Drohnenkrieg“, entwickelt worden.

Rumäniens Außenministerin Oana Țoiu sagte öffentlich, der Angriff von Galați falle in jene Kategorie, die Artikel 4 rechtfertige, also den NATO-Mechanismus für Beratungen, wenn ein Mitgliedstaat sich bedroht fühlt. Bukarest rief Artikel 4 dennoch nicht an. Nach Angaben von Euronews.ro hieß es aus dem Umfeld des Präsidentenamts, Washington habe von diesem Schritt abgeraten und stattdessen Fähigkeitstransfers angeboten. Rumänien wies den russischen Botschafter aus und ordnete die Schließung des Konsulats in Constanța binnen 30 Tagen an.

Der politische Bruch

Der russische Großangriff traf auf ein Bündnis, das über den Umgang mit Angriffen nahe seiner Grenzen ohnehin gespalten ist. Die Präsidenten Estlands, Lettlands und Litauens forderten am 21. Mai in einer gemeinsamen Erklärung, die NATO solle an der Ostflanke von Air Policing, also Überwachung und Identifizierung, auf Air Defence umstellen, also auf eine Haltung mit autorisiertem Eingreifen (Aerotime). Estlands Außenministerin Kaja Tsahkna warnte, jede Lücke und jede weichere Reaktion werde zur Einladung für den nächsten Angriff.

Bundeskanzler Friedrich Merz signalisierte Solidarität mit Rumänien, schlug aber zugleich einen besonderen EU-Assoziierungsstatus für die Ukraine vor. Das ist ein politisches Signal, löst jedoch nicht die Abfanglücke an der Ostflanke. Der slowakische Ministerpräsident Robert Fico zog in die Gegenrichtung und forderte einen „sofortigen EU-Russland-Dialog“ (Noviny.sk, Novinky.cz). Sein Außenminister Juraj Blanár verurteilte die Angriffe deutlich schärfer. Der slowakische Präsident sprach sich für eine Stärkung der NATO-Flanke aus, ohne Ficos Dialogforderung zu übernehmen.

Moskaus Deutung, NATOs Frist

Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte, der Krieg sei in ein „vollkommen anderes Paradigma“ eingetreten. Er verwies auf einen ukrainischen Drohnenangriff vom 22. Mai auf eine Berufsschule im besetzten Starobelsk, bei dem nach russischen Angaben 21 Menschen getötet worden seien (Devdiscourse/Reuters, RIA Novosti). Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen teilte mit, er könne diese Zahl nicht überprüfen, weil Russland den Zugang zu besetztem Gebiet blockiere. Peskow fügte hinzu, der Krieg könne „bis zum Ende des Tages“ vorbei sein, wenn die Ukraine sich aus den von Russland beanspruchten Regionen zurückziehe.

Das „neue Paradigma“ passt zu einem bekannten Muster des Kremls: Eskalierende Sprache wird an einzelne Vorfälle geknüpft, um bereits vorbereitete Operationen politisch zu rahmen. Ähnlich verlief die Kommunikation nach dem Angriff auf die Kertsch-Brücke 2022 und nach dem ukrainischen Einsatz von ATACMS im Jahr 2024.

Rumänien unterzeichnete am 29. Mai SAFE-Verträge im Umfang von 5,6 Mrd. EUR für EU-finanzierte Rüstungsbeschaffung, darunter Anti-Drohnen-Systeme (Digi24). Die Auslieferung beginnt 2027. Auf dem NATO-Gipfel in Ankara am 7. und 8. Juli dürfte entschieden werden, ob die baltische Forderung nach einer formellen Air-Defence-Haltung umgesetzt wird. Bis dahin bleibt die Ostflanke in der Lücke zwischen Beobachtung und Eingreifen. Jeder Drohnenvorfall ohne kollektive Antwort verschiebt die Schwelle für den nächsten.

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6/2/2026, 1:52:35 PM
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