Cernavodă belastet fünf Stromnetze

The shrinking Danube leaves five countries competing for evening power.
Bildkomposition · tobriefRumäniens Stromsystem geht mit wenig Reserve in die Abendstunden. Am Dienstag um 19.25 Uhr lag der Verbrauch bei mehr als 8.000 MW, die heimischen Kraftwerke lieferten 5.873 MW. Die Differenz von 2.150 MW musste über Importe gedeckt werden (Agerpres, Adevărul).
Diese Lücke dürfte nun größer werden, weil Rumänien die Abschaltung von Cernavodă 2 vorbereitet. Der Reaktor ist mit rund 700 MW der einzige laufende Block des Kernkraftwerks; wegen der niedrigen Donaupegel reicht das Kühlwasser offenbar nicht mehr für einen sicheren Betrieb (Argus, Economica). Die eigentliche Probe besteht nun darin, ob fünf miteinander verbundene Strommärkte knappe Abendleistung verteilen können, ohne dass einzelne Länder sehr teuer einkaufen müssen.
Warum 19 Uhr zählt
Das Problem ist weniger die Tagesbilanz als die Uhrzeit. Mittags drücken Solaranlagen reichlich billigen Strom ins Netz. Zwischen 19 und 23 Uhr läuft die Klimatisierung aber weiter, während die Solarproduktion praktisch wegfällt. Rumänien, Ungarn, Bulgarien und die Nachbarländer brauchen dann zur gleichen Zeit gesicherte Kraftwerksleistung oder Importe.
Rumänien hat die Europäische Kommission und die Nachbarstaaten offiziell darüber informiert, dass es sich in einer Stromkrise befinde. Grundlage ist die EU-Verordnung 2019/941, nach der Regierungen Brüssel und angrenzende Länder warnen müssen, wenn die Versorgung gefährdet ist (HotNews, Ziare). Die Kommission berief am 11. August die Electricity Coordination Group ein und kam zu dem Schluss, das System sei angespannt, aber stabil (Europäische Kommission, Digi24). Das senkt das Risiko von Abschaltungen. Die Abendpreise senkt es nicht.
Der europäische Strombinnenmarkt kann über die sogenannte Marktkopplung Strom aus günstigeren Preiszonen dorthin lenken, wo Knappheit herrscht; dieser automatische Handelsmechanismus nutzt Grenzleitungen so lange, bis sie ausgelastet sind. Zusätzliche Megawatt entstehen dadurch aber nicht.
Wer verkauft, wer kauft
Bulgarien steht vorerst auf der besseren Seite dieses Geschäfts. Rumänische und ungarische Händler hätten nach Angaben des ESO-Einsatzleiters Dimitar Zarchev 3.500 bis 4.000 MW an bulgarischer grenzüberschreitender Kapazität nachgefragt (Mediapool). Allerdings liegt auch Bulgariens Kernkraftwerk Kosloduj an der Donau. Energieministerin Iwa Petrowa sagte, es könne bei den derzeitigen Pegelständen noch etwa anderthalb Wochen weiterlaufen (DBR). Die Day-Ahead-Preise stiegen von 100 bis 120 EUR/MWh in der Vorwoche auf etwa 150 bis 170 EUR/MWh; für Bulgarien ist das ein Zusatzertrag mit gut sichtbarem Ablaufdatum (Mediapool).
Am stärksten exponiert ist Ungarn als Käufer. Das Kernkraftwerk Paks, der wichtigste Grundlastlieferant des Landes, lief elf Tage lang nur mit halber Leistung, bevor es wieder vollständig ans Netz ging. Ungarn musste deshalb am Abend des 4. August Strom zu durchschnittlich 218 EUR/MWh importieren. In einer Stunde lag der Preis für 3.522 MW Importstrom bei 439 EUR/MWh (VG, Portfolio). Die slowakische Regulierungsbehörde ÚRSO warnte vor einer „ungewöhnlich angespannten“ Stromlage in der Region (STVR).
In Rumänien sind private Haushalte zunächst abgeschirmt. Der Notfallplan der Regierung sieht als letztes Mittel gestaffelte Kürzungen für große Industriekunden zwischen 19 und 23 Uhr vor (Agerpres). Wenn Versorger in den Spitzenstunden aber dauerhaft teurer einkaufen müssen, dürfte sich das später in Haushaltsverträgen niederschlagen. Fachleute halten Day-Ahead-Durchschnittspreise zwischen 850 und 1.800 Lei/MWh für möglich, einzelne Abendspitzen könnten über 5.000 Lei/MWh liegen (Economica, Adevărul).
Kohle, Aufbaufonds und der eigentliche Zielkonflikt
Bukarest verbindet die Krisenmeldung mit einer bekannten Forderung: Die Kohleblöcke Rovinari 4 und Turceni 5 sollen länger laufen dürfen als bislang vorgesehen (HotNews). Kohlekraftwerke helfen in Abendspitzen, weil sie unabhängig von Sonne und Wind Strom liefern. Rumänien hat ihre Stilllegung aber im nationalen Aufbau- und Resilienzplan zugesagt, also in jenem Reformpaket, an dessen Erfüllung EU-Aufbaumittel gebunden sind. Werden solche Etappenziele zurückgedreht, kann die Kommission Zahlungen aussetzen (Ziare). Dass Brüssel kurzfristig kein Versorgungsrisiko sieht, schwächt Rumäniens Notfallargument zusätzlich.
Europas Stromnetz dürfte die Versorgung sichern. Stabilität entsteht derzeit aber über höhere Importrechnungen, Notfallpläne für die Industrie und politische Auseinandersetzungen über Kohlereserven, nicht über reichlich verfügbare Kraftwerksleistung.
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