Gericht stoppt Rumäniens Lohnreform

A judicial block leaves Romania’s financial milestones suspended in a high-stakes legal vacuum.
Bildkomposition · tobriefRumänien steht kurz vor dem Ende der EU-Aufbau- und Resilienzfazilität vor einem Problem, das viele Mitgliedstaaten unterschätzt haben: Brüssel zahlt nicht für politische Absichten, sondern für nachweislich abgeschlossene Reformen. Am 21. Juli setzte das Berufungsgericht Bukarest die geplante Reform der Gehälter im öffentlichen Dienst aus, die die Europäische Kommission für die nächste Auszahlung aus dem Corona-Wiederaufbaufonds verlangt (Economedia, G4Media).
Unmittelbar geht es um 770 bis 800 Mio. EUR, die an diesen einzelnen Reformschritt gebunden sind (Romania Insider, RRI). Bis zum 31. August 2026 muss Bukarest belegen, dass die Reform rechtlich abgeschlossen ist (2EU Brussels).
Wie ein nationales Gericht EU-Geld blockiert
Rumäniens Aufbauplan läuft über die Recovery and Resilience Facility, kurz RRF. Dieser EU-Fonds erstattet den Mitgliedstaaten keine einzelnen Ausgaben, sondern zahlt erst, wenn die Europäische Kommission bestätigt, dass vereinbarte Reformen oder Investitionen tatsächlich umgesetzt wurden (EUR-Lex, European Commission). Jeder dieser Schritte ist ein sogenannter Meilenstein: ein konkreter gesetzlicher oder administrativer Nachweis. Wird er nicht erfüllt, bleibt die Zahlung aus.
Die Lohnreform ist ein solcher Meilenstein. Das Arbeitsministerium veröffentlichte den Entwurf am 17. Juli. Vier Tage später erreichte die Gewerkschaft Sanitas, die Beschäftigte im Gesundheitswesen vertritt, eine gerichtliche Aussetzung des Verfahrens. Sie argumentierte, die Regierung habe den verpflichtenden sozialen Dialog umgangen (Știrile ProTV). Die Aussetzung gilt, bis der Hauptsachefall entschieden ist.
Der geschäftsführende Arbeitsminister Dragoș Pîslaru hält den Beschluss für verfahrensfehlerhaft, weil sein Ministerium nach seinen Angaben nicht ordnungsgemäß geladen worden sei, und will Rechtsmittel einlegen (Digi24). Zudem sei der Text ein technisches Papier für die politische Debatte gewesen, nicht schon ein formeller Gesetzesvorschlag. Damit könnte die Regierung vor Gericht durchaus durchdringen. Nur läuft die Frist eben weiter.
Der Zeitplan ist eng. Alle offenen RRF-Meilensteine müssen bis zum 31. August erfüllt sein; die letzten Zahlungsanträge sind im September fällig, und sämtliche Auszahlungen der Kommission müssen bis zum 31. Dezember 2026 abgeschlossen sein (2EU Brussels, IEU Monitoring). Entscheidend ist deshalb der Augusttermin: Danach kann Bukarest die nötigen Nachweise nicht mehr wirksam einreichen.
Die Lohnreform ist auch nicht die einzige blockierte Vorgabe. Der geschäftsführende Ministerpräsident Ilie Bolojan hat sie mit einem breiteren Paket von sechs Gesetzen verknüpft, an denen zusammen 4,5 Mrd. EUR an noch ausstehenden EU-Zuschüssen hängen (Bursa). Rumänien hat bereits rund 60,6 Prozent seines 21,41 Mrd. EUR schweren Plans erhalten, darunter im Juni eine vierte Tranche von 2,25 Mrd. EUR (AGERPRES). Der Rest hängt nun davon ab, ob Reformen Gerichtsverfahren und Koalitionsstreit überstehen.
Warum der Lohnkonflikt tiefer reicht als die Gehaltstabelle
Das Gesetz würde die Bezahlung im gesamten rumänischen öffentlichen Dienst neu ordnen: im Gesundheitswesen, an Schulen, in der Justiz und beim Militär. Vorgesehen sind ein Referenzgehalt von 4.100 Lei, eine Deckelung der meisten Zulagen auf 20 Prozent des Grundgehalts und eine Kopplung künftiger Lohnsteigerungen daran, dass die staatliche Lohnsumme im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung sinkt.
Die jährlichen Kosten werden auf rund 12,1 Mrd. Lei, also etwa 2,4 Mrd. EUR, geschätzt. Das liegt deutlich unter den Gewerkschaftsforderungen von mehr als 20 Mrd. Lei, ist für Rumänien aber trotzdem erheblich, weil das Land bereits im EU-Defizitverfahren steckt. Dieses Verfahren leitet Brüssel ein, wenn ein Staat die fiskalischen Grenzen der EU überschreitet (Romania Insider).
Es geht daher nicht bloß um höhere Gehälter. Die Reform soll Rumäniens dauerhaft wachsende Personalkosten im Staatssektor kontrollieren, indem Zulagen begrenzt werden, die für viele Beschäftigte faktisch Teil des normalen Einkommens sind. Besonders laut wehren sich die Beschäftigten im Gesundheitswesen. Am 20. Juli legten Mitarbeiter in Hunderten Krankenhäusern für zwei Stunden die Arbeit nieder; Sanitas bereitet nach eigenen Angaben ab dem 28. Juli einen unbefristeten Generalstreik vor (Știrile ProTV).
Auch die Regierungskoalition ist in der Sache gespalten. PSD-Chef Sorin Grindeanu sagte, seine Partei werde kein Gesetz unterstützen, „das alle unzufrieden macht“ (Europa FM). Das Gesundheitsministerium sprach von „schweren Ungleichheiten“ im Entwurf (Antena3). Schon vor der Gerichtsentscheidung hatte die Reform also wohl keine belastbare parlamentarische Mehrheit.
Rumänien zeigt in besonders klarer Form, unter welchem Druck der RRF-Endspurt steht. In Bulgarien sind wegen Verzögerungen beim Kohleumbau nach Schätzungen rund 400 Mio. EUR gefährdet (Mediapool). Portugal prüft, wie sich unfertige Wiederaufbauprojekte in andere EU-Finanzierungsstränge verschieben lassen (Observador). Das Europäische Parlament warnte bereits Anfang des Jahres, nicht ausgezahlte RRF-Mittel könnten die erwartete Wirkung des Fonds auf Wachstum und Beschäftigung schwächen (European Parliament).
Die RRF war so konstruiert, dass Brüssel fertige Reformen bezahlt, nicht politische Zusagen. Rumäniens unmittelbares Risiko besteht deshalb nicht darin, dass die Kommission das Geld bereits gestrichen hätte. Das Risiko ist, dass Bukarest die rechtlich nutzbare Zeit ausgeht, um es noch abzurufen.
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