Zypern trägt Großteil der Kabelkosten

The cable promises power, but consumers may receive the bill first.
Bildkomposition · tobriefDer Great Sea Interconnector hat inzwischen mehr politische Unterstützung, als vielen Infrastrukturprojekten guttut: Eine überparteiliche Gruppe amerikanischer Abgeordneter hat Außenminister Marco Rubio und Ben Black, den Chef der US-Entwicklungsfinanzierungsagentur DFC, aufgefordert, das geplante Unterseekabel zwischen Griechenland, Zypern und Israel zu priorisieren (Schneider House, Protothema). Washington liefert damit politischen Rückenwind. Was es nicht liefert, sind Geld, eine Kreditgarantie oder eine Baugenehmigung. Von jetzt an entscheidet sich das Projekt an einer schlichteren Frage: Wer bezahlt das Kabel, bevor Strom durch das Kabel fließt?
An Fürsprechern mangelt es dem Vorhaben nicht. Brüssel hat den Interconnector als vorrangiges grenzüberschreitendes Projekt eingestuft und Zuschüsse von rund 657 Mio. EUR zugesagt (CINEA, EUR-Lex). Der französische Infrastrukturinvestor Meridiam hat am 5. August eine Mehrheitsbeteiligung von 66 Prozent vereinbart (Greek Prime Minister). Der griechische Netzbetreiber ADMIE, der 34 Prozent behält und die technische Führung innehat, reichte am 13. August den Investitionsantrag für den Abschnitt Zypern-Israel bei den Regulierungsbehörden ein (ADMIE). Wie wir vergangene Woche berichteten, läuft damit die Frist für die Genehmigungen, die einer endgültigen Investitionsentscheidung vorausgehen. Offen ist nicht die politische Unterstützung. Offen ist, welche Belastung am Ende auf den Stromrechnungen landet.
Warum das Kabel wirtschaftlich sinnvoll ist
Zypern gehört zu den letzten EU-Mitgliedstaaten ohne physische Verbindung zu einem Nachbarstromnetz. Diese Isolation macht das System teuer: Die Insel muss Ausfälle und Nachfragespitzen allein abfedern, braucht mehr Reservekapazitäten und kann Strom aus Sonne und Wind nur begrenzt aufnehmen. Das Kabel soll Zypern zunächst mit Griechenland und später mit Israel verbinden. Geplant sind 1.000 MW Übertragungskapazität über rund 1.200 Kilometer (ADMIE, OT).
Der Nutzen liegt auf der Hand: Zypern könnte bei knapper lokaler Erzeugung billigeren Strom importieren und bei Überschüssen erneuerbare Energie exportieren. Nach 2029 dürfte dieser Effekt noch wichtiger werden, weil die Insel dann einen erheblichen Teil ihrer konventionellen Kraftwerkskapazität verlieren könnte (Cyprus Mail).
Die ökonomische Logik trägt also. Das Problem liegt in allem, was zwischen dieser Logik und der tatsächlichen Inbetriebnahme steht.
Die Rechnung kommt vor dem Strom
Der härteste Konflikt dreht sich um die Kostenerstattung: Wer trägt die Baukosten, und welcher Anteil darf über Netzentgelte auf die Stromkunden umgelegt werden? Für den Abschnitt Griechenland-Zypern ist eine Kostenverteilung von 63 Prozent für Zypern und 37 Prozent für Griechenland vorgesehen. Damit tragen zyprische Verbraucher den größeren Teil der regulierten Last.
Genau dagegen sperrt sich die zyprische Energieregulierungsbehörde CERA. Von den 251 Mio. EUR, die ADMIE bereits ausgegeben haben will, erkennt CERA nur 32 Prozent als über Netzentgelte erstattungsfähig an (Protothema, Politis). Praktisch heißt das: CERA will ADMIE nicht erlauben, den Großteil der geltend gemachten Kosten an die Verbraucher weiterzureichen. Nikosia wiederum erklärt, über eine zwischenstaatliche Vereinbarung von 125 Mio. EUR hinaus keine weiteren Zahlungen zu leisten, bevor das Kabel tatsächlich in Betrieb ist (Capital.gr).
Den privaten Investoren wurde unterdessen Berichten zufolge eine erlaubte Rendite von 8,3 Prozent plus ein Aufschlag von 3,7 Prozent zugesagt, festgeschrieben für 17 Jahre (Kathimerini, Les Echos). Finanziert werden solche Renditen letztlich über dieselben Netzentgelte. Niedrigere Strompreise ergeben sich daher nicht automatisch aus dem Kabel. Sie hängen davon ab, ob die Regulierer die Kostenerstattung so festlegen, dass vom günstigeren Importstrom noch etwas bei den Haushalten ankommt.
Auch die Finanzierung selbst ist noch nicht geschlossen. Zyperns Energieminister Michael Damianos nannte den Einstieg Meridiams ein Vertrauenssignal, sagte aber, eine staatliche Beteiligung hänge zunächst von der Due-Diligence-Prüfung der Europäischen Investitionsbank ab (Marine Cyprus, Sigmalive). Wenige Tage nach der Unterschrift sind Kaufpreis, Eigenkapitalzusage und die Verteilung möglicher Kostenüberschreitungen nicht veröffentlicht. Die zyprischen Oppositionsparteien AKEL und DISY verlangen Offenlegung, bevor Zypern weitere Verpflichtungen übernimmt (PafosNet, Philenews). Zudem wurde die Transaktion der Europäischen Kommission noch nicht formell zur Fusionskontrolle gemeldet (CNA).
Ein weiteres Risiko liegt in der Bauvorbereitung. Nexans hält Berichten zufolge einen Kabelvertrag über rund 1,43 Mrd. EUR zuzüglich Mehrwertsteuer; 251,4 Mio. EUR seien bereits gezahlt, und bis Ende 2024 seien 160 Kilometer Kabel produziert worden, allerdings ohne vollständige Freigabe für die Umsetzung (Capital.gr). Die Vermessung des Meeresbodens ist noch nicht wieder aufgenommen worden; Berichte über eine maritime Bekanntmachung zur Genehmigung solcher Arbeiten blieben unbestätigt (Cyprus Mail). Der Europäische Rechnungshof warnt ohnehin, dass grenzüberschreitende Stromprojekte regelmäßig Verzögerungen erleiden (European Court of Auditors). Für Verbraucher ist das Risiko konkret: Sie könnten Netzentgelte für Baukosten zahlen, bevor das Kabel billigeren oder sichereren Strom liefert.
Der Brief aus dem amerikanischen Kongress richtet sich auch an die DFC, also die Entwicklungsfinanzierungsagentur der Vereinigten Staaten. Bislang ist aber weder ein Beschluss ihres Verwaltungsrats noch ein Term Sheet oder ein Due-Diligence-Verfahren öffentlich geworden (Schneider House). Die Unterstützung ist real. Das Geld ist es noch nicht.
Wer gewinnt, wer verliert
Wenn das Kabel wie geplant funktioniert, gewinnen zyprische Stromkunden Versorgungssicherheit und Importmöglichkeiten. Griechenland wird zur EU-seitigen Brücke für Stromflüsse im östlichen Mittelmeer. Meridiam und seine Investoren erhalten ein reguliertes Infrastrukturvermögen mit garantierten Erträgen über fast zwei Jahrzehnte. Die Koalition hinter dem Great Sea Interconnector ist breiter als je zuvor: Athen, Nikosia, Brüssel, Paris, Washington, ADMIE, Meridiam und Nexans.
Die entscheidende Partei sitzt aber nicht auf den Pressefotos. Es sind die Regulierungsbehörden, die festlegen müssen, welche Kosten auf die Verbraucher umgelegt werden dürfen. Davon hängt ab, ob aus dem Projekt Infrastruktur wird oder ein jahrelanger Streit über Stromrechnungen.
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- 8/18/2026, 1:43:46 AM
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