Dürre legt Reaktor an der Donau still

As the Danube recedes, the price of the missing megawatts begins to burn.
Bildkomposition · tobriefAm Pegel Russe in Bulgarien steht die Donau bei minus 87 Zentimetern (BTA). Nach Rumänien fließen nur noch rund 1.590 Kubikmeter Wasser je Sekunde, etwa ein Drittel des langjährigen Juli-Mittels (Digi24). Damit wird aus einer hydrologischen Krise eine Strommarktkrise: In Rumänien ist ein Atomreaktor vom Netz, in Ungarn läuft das Kernkraftwerk Paks nur noch etwa zur Hälfte. Zwei Länder, die normalerweise Strom exportieren, müssen nun gerade in den teuersten Tagesstunden importieren.
Wie ein Fluss einen Reaktor abschaltet
Kernkraftwerke liefern Grundlast, also jene stetige Stromproduktion, auf der ein Netz im Normalbetrieb aufbaut. Der technische Haken liegt in der Wärmebilanz: Der größte Teil der bei der Kernspaltung freigesetzten Energie fällt als Abwärme an und muss abgeführt werden. Bei flussgekühlten Anlagen übernimmt diese Aufgabe der Fluss. Sinkt der Durchfluss zu stark, stoßen die Ansaugpumpen an physische Grenzen; wird das Wasser zu warm, drohen die Anlagen zudem gegen Umweltauflagen zu verstoßen, weil sie den Fluss unterhalb des Kraftwerks nur begrenzt zusätzlich erwärmen dürfen.
Der staatliche rumänische Betreiber Nuclearelectrica schaltete Block 1 des Kraftwerks Cernavoda am 28. Juli kontrolliert ab, nachdem der Durchfluss auf etwa 1.630 Kubikmeter je Sekunde gefallen war (BVB/Nuclearelectrica). Block 2 läuft noch, aber nahe an der Grenze. Sorin Rindasu, stellvertretender Direktor der rumänischen Wasserbehörde Apele Romane, sagte am 1. August, unter den derzeitigen Bedingungen könne der Block wohl noch vier bis fünf Tage betrieben werden (Agerpres). Selbst Regen in Österreich käme für Cernavoda nicht sofort an: Bis eine Wasserwelle die untere Donau erreicht, vergehen nach Angaben aus Rumänien rund zwei Wochen (Business Magazin).
Wie eng die Lage ist, zeigt die Improvisation vor Ort. Die Behörden planen, Granit zu sprengen und mit Steinen beladene Lastkähne zu versenken, um den Wasserstrom in Richtung der Ansaugstelle umzulenken. Diese Maßnahmen könnten den Weiterbetrieb um drei bis fünf Tage verlängern (HotNews, Antena 3).
Ungarn ist in der Drosselung schon weiter. Der Betreiber MVM meldete im Wochenverlauf stufenweise Einschnitte im Kernkraftwerk Paks: Block 3 wurde abgeschaltet, Block 2 auf halbe Leistung reduziert. Am 30. Juli erzeugte Paks noch 960 Megawatt statt rund 2.000 Megawatt; MVM warnte, innerhalb von 72 Stunden könne auch eine vollständige Abschaltung folgen (MVM, kormany.hu).
Wer für die fehlenden Megawatt zahlt
Fällt günstiger Atomstrom aus, müssen in der Regel Gaskraftwerke zu Spitzenkosten einspringen oder knappe Importe beschafft werden. Die Day-Ahead-Preise, also die Preise für Stromlieferungen am Folgetag, stiegen nach den Abschaltungen auf 132,87 EUR je Megawattstunde in Rumänien und 122,08 EUR je Megawattstunde in Ungarn, berichtet Serbia Energy. Die rumänische Abendbilanz zeigt die Belastung: Bei einer Nachfrage von etwa 7.300 Megawatt lag die heimische Erzeugung nur bei 4.000 bis 4.300 Megawatt; Importe deckten 1.700 Megawatt der Lücke (Profit.ro).
Die Marktkopplung, also das europäische Auktionssystem zur grenzüberschreitenden Stromverteilung, hält die Versorgung aufrecht, verteilt die Knappheit aber zugleich auf Nachbarländer. Zunächst trifft der Kostendruck Versorger und industrielle Abnehmer mit marktpreisabhängigen Verträgen, danach die Staatshaushalte, wenn Regierungen die Differenz politisch abfedern. Haushalte mit festen Endkundentarifen sind vorerst geschützt (Romania Insider). Nuclearelectrica hat seine Kunden bereits über höhere Gewalt informiert, also rechtlich darauf hingewiesen, dass das Unternehmen Verträge wegen Umständen außerhalb seiner Kontrolle möglicherweise nicht erfüllen könne (ZF).
Mehr als ein Donau-Problem
Frankreich zeigt, dass es sich nicht um eine regionale Besonderheit handelt. Während der Hitzewelle 2022 erteilte die Atomaufsicht ASN vier flussgekühlten Anlagen befristete Ausnahmen von Umweltauflagen (ASN). Die geringere Atomstromproduktion trug dazu bei, dass Europas größter Stromexporteur zum Nettoimporteur wurde, mit einer Bilanz von minus 16,7 Terawattstunden. Als die Kernkraftproduktion 2023 wieder anzog, stiegen die Exporte auf plus 50,1 Terawattstunden (RTE 2022, RTE 2023). Der Rechnungshof Cour des comptes stellte fest, dass klimatische Bedingungen die französische Atomstromproduktion in den Jahren 2018, 2019 und 2020 jeweils um mindestens 1 Terawattstunde verringerten (Cour des comptes). An derselben Donau produziert das bulgarische Kraftwerk Kosloduj zwar weiter, überwacht aber bereits die Niedrigwassergrenzen (Kozloduy, BTA).
Cernavoda, Paks, Kosloduj und die französischen Ausnahmegenehmigungen markieren Abstufungen desselben Problems. Die Dürre macht aus verlässlicher Kernkraft bedingte Kraftwerksleistung, jedenfalls dort, wo Kühlung und Umweltrecht direkt am Fluss hängen. Bis zum 7. August soll der Durchfluss weiter auf etwa 1.450 Kubikmeter je Sekunde sinken (Agerpres). Offen ist nun, wie viel Reservekapazität die Regierungen vor dem nächsten trockenen Sommer finanzieren wollen.
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