Drohne explodiert in Litauen, Warnungen umstritten

Officials still lack the records that could establish the drone’s route.
Bildkomposition · tobriefAm 18. Oktober explodierte im litauischen Rajon Pasvalys eine Drohne über einer Straße und beschädigte die Vordertür eines vorbeifahrenden Autos; die Insassen blieben unverletzt (LRT). Litauen ließ nach der Entdeckung des Objekts Kampfjets aufsteigen, doch seine Angaben zur Flugroute widersprechen denen Polens, während die Gründe für die Warnentscheidungen offenbleiben.
Auf dem Radar, aber nicht identifiziert
Nach Angaben des litauischen Militärs verfolgten die Radare ein nicht identifiziertes Objekt auf Nordkurs. Die für die NATO-Luftraumüberwachung eingesetzten Kampfjets, die den Luftraum der baltischen Staaten sichern, starteten um 06:15 Uhr von Šiauliai (Mitteilung des litauischen Militärs).
Verteidigungsminister Robertas Kaunas sagte, Nebel und Wolken hätten den Piloten die Sicht auf das Objekt versperrt; auf etwas, das sie nicht identifiziert hätten, hätten sie nicht schießen können. Zugleich bezeichnete er es als inakzeptabel, dass nur ein Teil des Landes Warnungen erhalten habe (LRT). Die lettischen Streitkräfte erklärten, die Kampfjets hätten die Drohne nicht abgeschossen; möglicherweise sei sie von selbst detoniert (Lettische Streitkräfte).
Die Erfassung des Objekts funktionierte demnach. Das engere Problem liegt darin, dass sich die öffentlichen Darstellungen der Behörden bislang nicht schlüssig zusammenfügen.
Wer über die Warngebiete entschied
In Litauen ist die Warnung der Bevölkerung auf zwei Stellen verteilt: Das Militär bestimmt, welches Gebiet gewarnt werden soll; die Feuerwehr- und Rettungsbehörde verschickt die Nachricht aufs Mobiltelefon. Die Behörde teilte mit, das Militär habe sie um 06:44 Uhr angewiesen, zunächst für den Bezirk Kaunas eine gelbe Warnung und anschließend für die Bezirke Šiauliai und Panevėžys rote Warnungen zu versenden (PAGD).
Laut Chronologie des Nationalen Krisenzentrums ging die Nachricht für den Bezirk Kaunas dort um 07:00 Uhr ein (Delfi). Die beiden Zeitangaben beziehen sich auf unterschiedliche Vorgänge: Die eine hält fest, wann der Rettungsdienst den Auftrag erhielt, die andere, wann eine weitere Behörde die Meldung empfing; sie müssen sich daher nicht widersprechen.
Der schärfere Streit betrifft die Karte. Kaunas kritisierte, dass nicht alle Bewohner entlang der möglichen Anflugroute aus Polen gewarnt worden seien. Der Rettungsdienst beharrt darauf, das Verfahren eingehalten zu haben; die Warnanweisungen, aus denen hervorginge, wer das Gebiet festlegte, hat bislang niemand veröffentlicht, sodass die vorliegenden Informationen einen Dissens, aber keinen belegten Regelverstoß zeigen.
Lettland traf eine eigene Entscheidung. Weil die Behörden einen Einflug für wahrscheinlich hielten, verschickte das Land um 07:40 Uhr eine Warnmeldung über Cell Broadcast für Bauska, Aizkraukle und Ogre und hob sie um 08:12 Uhr wieder auf. Später erklärten die lettischen Streitkräfte, das Objekt habe den lettischen Luftraum nicht erreicht (Lettische Streitkräfte).
Durch Polen geflogen – oder nicht
In seiner ersten Darstellung erklärte Litauen, das Objekt sei aus Polen nach Norden geflogen; Kaunas bat Warschau um Unterstützung bei den Ermittlungen. Das polnische Verteidigungsministerium und das Operative Kommando, das die militärische Luftverteidigung führt, erklärten, ihre Radarsysteme hätten keinen Grenzübertritt bestätigt (Polskie Radio 24). Damit ist ein Grenzübertritt nicht ausgeschlossen. Litauen hat jedoch keine zeitlich markierten Koordinaten veröffentlicht, anhand derer sich die eigene Darstellung überprüfen ließe.
Am Abend ging Kaunas weiter. In einem Fernsehinterview bezeichnete er die Drohne als Folge des nächtlichen ukrainischen Angriffs auf Sankt Petersburg. Russische elektronische Kampfführung habe einige Drohnen vom Kurs abgebracht, sagte er; zudem habe er das Fluggerät vorläufig einem ukrainischen Modell zugeordnet, während Ermittler nach seiner Elektronik suchten (LRT/BNS).
Kiew reagierte vorsichtig. Das ukrainische Außenministerium erklärte, es bedauere den möglichen Einflug einer eigenen Drohne, russische Störmaßnahmen könnten sie vom Kurs abgebracht haben, und bot den Austausch von Informationen an (Reuters).
Störsignale gegen die Satellitennavigation können eine Drohne vom Kurs abbringen, ebenso aber ein Defekt oder schlechtes Wetter. Flugdaten, die zwischen diesen Möglichkeiten unterscheiden ließen, sind bisher nicht veröffentlicht worden; in den bislang bekannten Angaben gibt es keinen Hinweis darauf, dass Russland eine Drohne gezielt nach Litauen gelenkt hätte.
Für zwei EU- und NATO-Mitglieder mit gemeinsamer Grenze reicht die Bedeutung des Vorfalls über Pasvalys hinaus. Beim nächsten Alarm müssen dieselben Übergaben zwischen Militär und zivilen Behörden funktionieren. Zur Aufklärung braucht es drei getrennte Bestände an Unterlagen. Das litauische Militär und das Operative Kommando Polens verfügen über die Radardaten, die einen Abgleich der Flugroute ermöglichen könnten. Beim litauischen Militär, der Rettungsbehörde und dem Krisenzentrum liegen die Warnanweisungen und Eingangsprotokolle, aus denen hervorginge, wer aus welchem Grund gewarnt wurde. Die litauischen Ermittler haben die geborgene Elektronik; zusammen mit Informationen, die Kiew gegebenenfalls übermittelt, könnte sie die Erklärung einer Störung der Satellitennavigation prüfen. Solange diese Unterlagen nicht vorliegen, beruhen der Flugweg, die Warnungen und Kiews Darstellung auf Aussagen.
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