Drohnen treffen Kronstadt bei Putins Forum

The debris of the drone war reaches the gilded floor of the St. Petersburg forum.
Bildkomposition · tobriefKronstadt ist für Russland mehr als ein Marinestützpunkt: Die Insel vor St. Petersburg schützt den Zugang zur Ostsee und liegt nur rund 20 Kilometer von jenem Wirtschaftsforum entfernt, auf dem Wladimir Putin ausländischen Investoren Normalität demonstrieren wollte. Genau dort schlugen ukrainische Drohnen binnen vier Tagen zweimal zu. Die Korvette Boikiy brannte im Trockendock, Ölterminals gerieten in Brand, die Insel wurde abgeriegelt. Die Angriffe zeigen, dass Kiew seine Langstreckenwaffen inzwischen nicht nur zur Zerstörung russischer Infrastruktur einsetzt, sondern auch, um die Kosten politischer Ablehnung zu erhöhen.
Angebot, Absage, Angriff
Am 4. Juni veröffentlichte Wolodymyr Selenskyj einen offenen Brief, in dem er direkte Gespräche auf neutralem Boden, eine Waffenruhe während der Verhandlungen und einen Gefangenenaustausch vorschlug (Moscow Times). Putin wies den Vorschlag am nächsten Tag beim St. Petersburger Wirtschaftsforum SPIEF, Russlands Antwort auf Davos, zurück. Er nannte den Brief „flegelhaft“ und sagte, er sehe „keinen Sinn“ in einem Treffen (New Indian Express, ISW). Weniger als 18 Stunden später startete die Ukraine die zweite Angriffswelle. Russland meldete allein über der Region Leningrad den Abschuss von 144 Drohnen (Fortune).
Das Institute for the Study of War, ein amerikanisches Konfliktforschungszentrum, hat wiederholt dokumentiert, dass Russland selbst unmittelbar vor und nach wichtigen Friedensgesprächen Angriffe mit hoher Intensität fliegt (ISW). Die Ukraine wendet dieses Muster nun gegen Moskau: Wer Gespräche ablehnt, soll dafür militärisch zahlen. Selenskyj bezeichnete solche Angriffe selbst als „Sanktionen aus der Ferne“.
Der Drohnenkrieg erreicht EU-Gewässer
Die Angriffe auf Kronstadt sind das sichtbarste Beispiel für die wachsende ukrainische Fähigkeit zu Schlägen tief im russischen Hinterland. Zugleich löst sich der maritime Drohnenkrieg aus dem Schwarzen Meer und erreicht europäische Gewässer.
Am 7. Mai zogen griechische Fischer vor Lefkada eine bewaffnete ukrainische Seedrohne aus dem Wasser, die schätzungsweise 100 bis 200 Kilogramm Sprengstoff trug (CNN Greece, news247.gr). Athen legte offiziell Protest ein; Kiew entschuldigte sich und verwies auf die Bedingungen des Krieges (Greek MFA). Griechenlands Verteidigungsminister nannte das Szenario „erschreckend“. Nach Einschätzung des griechischen Generalstabs dürfte die Drohne ein Schiff der russischen Schattenflotte im Mittelmeer ins Visier genommen haben.
Im Baltikum warf Russland Litauen, Lettland und Estland vor, ukrainischen Drohnen ihren Luftraum geöffnet zu haben. Alle drei Staaten wiesen das als Desinformation zurück. Litauens Außenminister sagte, Russland leite Drohnen durch GPS-Manipulation aus Kaliningrad gezielt in den NATO-Luftraum um. Die Zahl der dort entdeckten Störsender sei binnen gut eines Jahres von 3 auf 36 gestiegen (Defense News).
Stille Partner
Die Staaten, die am engsten mit der Ukraine bei der Drohnenproduktion kooperieren, äußern sich kaum dazu, welche Ziele diese Systeme treffen. Polen, das im Mai neue Vereinbarungen zur gemeinsamen Produktion unterzeichnete und sechs Klassen taktischer Drohnen einführt, die teilweise auf ukrainischen Gefechtsdaten beruhen, gab zu Kronstadt keine öffentliche Erklärung ab (Money.pl). Litauen schloss am 13. Mai mit Kiew ein umfassendes Drohnenabkommen über Langstrecken-, See- und Abfangdrohnen (President of Ukraine). Auch Vilnius kommentierte die Angriffe nicht.
Frankreich, Deutschland und Großbritannien bestätigten für den heutigen 7. Juni ein Treffen mit Selenskyj in London, um eine europäische Verhandlungsspur aufzubauen, bevor Washington wieder zu eigenen Bedingungen eingreift (Eurointegration). Den drei Regierungschefs sitzt damit ein Präsident gegenüber, der gerade gezeigt hat, dass die Ukraine jeden Marinestützpunkt im europäischen Teil Russlands erreichen kann.
Putins Reaktion beim SPIEF war aufschlussreicher als jede Vergeltungsdrohung. „Einige von ihnen brechen durch“, sagte er vor Journalisten. „Wir müssen unsere Luftverteidigung verbessern“ (AP/Audacy). Die ukrainische FP-1-Drohne, die für die Angriffe auf Kronstadt verantwortlich gemacht wird, nutzt eine KI-gestützte Geländenavigation und kommt damit ohne GPS aus (Euromaidanpress, DroneSense). Russlands wichtigste elektronische Gegenmaßnahme greift gegen die wichtigste ukrainische Langstreckenwaffe damit offenbar nicht mehr.
Ob in den Angriffspaketen von Kronstadt Bauteile aus europäischer Koproduktion steckten, ist nicht bestätigt. Öffentlich fragt danach in Brüssel, Berlin oder Warschau niemand. Das Schweigen ist hier Teil der Politik.
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