Dürre legt Europas Reserven frei

Europe’s rivers retreat beyond the systems that depend on them.
Bildkomposition · tobriefDer Po führt bei Cremona nur noch 193 m³/s, etwa ein Drittel seines historischen Durchschnitts (Il Giorno). Für Norditalien ist das mehr als ein hydrologischer Befund: Der Fluss bewässert die ertragreichsten Agrarflächen des Landes, speist Wasserkraftwerke und verhindert, dass Salzwasser aus der Adria ins Delta vordringt. Zugleich ist die Donau so weit gefallen, dass Rumäniens einziges Kernkraftwerk nicht mehr ausreichend gekühlt werden konnte. Am Rhein unterschritt der Pegel bei Kaub, der Engstelle für die Frachtschifffahrt nach Westdeutschland, historische Tiefstände. Nach Angaben der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU vom 12. August betrifft die Dürre inzwischen 50 Prozent der Fläche von EU und Vereinigtem Königreich (JRC).
Flüsse leisten in Europa stille Industriearbeit. Sie kühlen Kraftwerke, tragen Fracht, bewässern Felder und erzeugen Strom. Wenn das Wasser fehlt, geraten diese Funktionen nicht nacheinander, sondern gleichzeitig unter Druck.
Kraftwerke ohne genügend Flusswasser
Am deutlichsten zeigt sich der Schaden im Stromsystem. Das rumänische Kernkraftwerk Cernavodă, das normalerweise rund ein Fünftel der nationalen Stromerzeugung liefert, wurde am 13. August vollständig abgeschaltet, nachdem beide Reaktorblöcke aus der Donau nicht mehr genug Kühlwasser erhielten (Le Monde, Al Jazeera). Kernreaktoren erzeugen große Wärmemengen; nur ein Teil wird zu Strom, der Rest muss über Kondensatoren abgeführt werden. Wird der Fluss für die Ansaugpumpen zu flach, bleibt dem Betreiber eben nur die Abschaltung.
Ungarns Kraftwerk Paks, das fast die Hälfte des ungarischen Stroms erzeugt, zeigt dieselbe Verwundbarkeit aus einer anderen Perspektive. Die Leistung sank Anfang August von rund 965 MW auf 240 MW, als die Donau historische Tiefstände erreichte. Die Regierung ließ daraufhin mit Steinen beladene Lastkähne versenken und eine provisorische Sohlschwelle im Flussbett errichten, um den Wasserstand nahe des Kühlwassereinlaufs um wenige Zentimeter zu heben (ABC News, Telex). In Frankreich sind die Flüsse noch tief genug, doch die Rückleitung erwärmten Kühlwassers würde teils Temperaturgrenzen überschreiten, die Gewässer schützen sollen. Bis zum 12. August waren 13 von 57 französischen Reaktoren betroffen; Umweltauflagen, zusätzlich verschärft durch Quallen, die in Gravelines Kühlwassereinläufe verstopften, nahmen einen Rekordwert von 20,4 Prozent der französischen Kernkraftkapazität vom Netz (Boursorama/AFP, Euronews).
Fällt günstiger Atomstrom aus, kaufen die betroffenen Länder Strom bei Nachbarn. Im gekoppelten europäischen Strommarkt fließt Elektrizität grenzüberschreitend dorthin, wo die höchsten Gebote akzeptiert werden; die Preise steigen, sobald Händler teurere Kraftwerke oder Importe abrufen müssen. Der französische Day-Ahead-Preis sprang nach Angaben von France Épargne binnen eines Tages um 34 Prozent auf 126 EUR/MWh am 10. August. Bulgariens Kraftwerk Kosloduj, das an der bulgarischen Donau weiterlief, sah sich einer außergewöhnlichen Exportnachfrage von 3.500 bis 4.000 MW durch rumänische und ungarische Händler gegenüber (Mediapool). Bulgarien wird damit zum regionalen Puffer. Doch dieser Puffer ist brüchig: Würde auch Kosloduj gedrosselt, fielen diese Exporte weg.
Halbleere Schiffe, versalzene Felder
Am Rhein bestätigte die Bundesanstalt für Gewässerkunde, dass der Fluss über weite Strecken die niedrigsten bekannten Wasserstände erreicht oder unterschritten habe (BfG). Ein für 1.200 Tonnen ausgelegtes Schiff passierte Kaub nur noch mit 180 Tonnen Ladung (Argus Media). Der Chemiekonzern Covestro erklärte, der Rohstofftransport schränke bereits die Produktion ein (Tagesschau). Straße und Schiene können einen Teil der Fracht übernehmen, doch die Größenordnung ist ungünstig: Ein Rückgang der Rheinfracht um 25 Prozent entspricht etwa 3 Mio. Tonnen pro Monat oder rund 120.000 zusätzlichen Lkw-Fahrten, die das Straßennetz nicht ohne Weiteres verkraftet (WDR). Die Bundesregierung behandelt Niedrigwasser inzwischen als wiederkehrendes Konjunkturrisiko (Handelsblatt).
Im Einzugsgebiet des Po sind die voralpinen Seen, aus denen im Sommer Bewässerungswasser kommt, fast leer: Der Lago Maggiore liegt bei 5,3 Prozent, der Comer See bei 5,9 Prozent, der Iseosee bei 5 Prozent (Il Sole 24 Ore). Salzwasser ist 20 bis 25 Kilometer ins Po-Delta vorgedrungen und macht Bewässerungswasser für Reisbauern unbrauchbar, die ihre Entnahmen ohnehin schon rationieren müssen (Pianura Reno). Italiens Wasserkrafterzeugung fiel im Juli im Jahresvergleich um 14,9 Prozent (Affaritaliani). Damit verengt sich genau jene Stromversorgung, die durch die Dürre europaweit ohnehin belastet ist.
Bewältigung ist noch keine Anpassung
Jedes Land fand eine Übergangslösung. Ungarn baute eine Sohlschwelle. Frankreich blieb Nettoexporteur von Strom. Rumänien deckte Lücken mit Importen. Doch jede dieser Antworten setzt voraus, dass anderswo noch Reserven vorhanden sind.
Notfalltechnik im Fluss hebt den Wasserstand an einem Einlauf, schafft aber keinen Abfluss. Ausnahmen bei Temperaturgrenzen halten Kraftwerke länger am Netz, verlagern den Stress jedoch auf Ökosysteme. Importe funktionieren nur, solange ein Nachbar freie Kapazität hat. Europa hat gelernt, sich in Dürrephasen gegenseitig Puffer zu leihen. Die Zahlen dieses Sommers zeigen die Grenze dieses Modells: Anpassung muss beginnen, bevor alle Nachbarn zugleich dieselben Reserven brauchen.
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- 8/17/2026, 1:54:03 AM
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