E3 für Gespräche, NB8 für Drohnen

The polished architecture of European diplomacy is overtaken by the raw logic of the front.
Bildkomposition · tobriefBinnen 48 Stunden hat Wolodymyr Selenskyj zwei europäische Gipfel besucht, die zwei unterschiedliche Wege aus dem Krieg markierten. Am 7. Juni unterstützten die E3 in London, also Frankreich, Deutschland und Großbritannien außerhalb der formalen EU-Strukturen, seinen Vorschlag für direkte Gespräche mit Moskau (Élysée Palace, Euromaidanpress). Zwei Tage später unterzeichneten die NB8, der informelle Zusammenschluss der nordischen und baltischen Staaten von Island bis Litauen, in Tallinn mit demselben Selenskyj Abkommen zur gemeinsamen Drohnenproduktion und bekannten sich zu einem „unumkehrbaren Weg“ der Ukraine in die NATO (Danish PM's Office). Die eine Gruppe will einen Kanal nach Moskau öffnen. Die andere setzt darauf, die Ukraine so lange aufzurüsten, bis Russland nachgibt.
Die diplomatische Wette
Die gemeinsame Erklärung der E3 nennt fünf Bedingungen für Gespräche. Dazu gehören das Halten der gegenwärtigen Frontlinie, der Einsatz internationaler Friedenstruppen in der Ukraine und das Einfrieren russischer Vermögenswerte, bis Reparationen gezahlt sind. Emmanuel Macron treibt diese Linie seit Monaten voran, weil Europa einen möglichen Friedensprozess selbst führen solle, statt ihn Washington zu überlassen. Es gehe um eine „Architektur von Frieden und Sicherheit für die Europäer, gegeben die Geographie“, sagte Macron vor Journalisten (Le Figaro). Berlin unterstützt diesen Ansatz vorsichtiger und verweist darauf, Russland befinde sich nach monatelangen ukrainischen Drohnenangriffen auf seine Infrastruktur in einer „Position der Schwäche“ (FAZ).
Nur hat Wladimir Putin Selenskyjs offenen Brief vom 31. Mai zurückgewiesen. Die E3 haben damit einen Rahmen, aber keinen Gesprächspartner.
Die militärische Antwort
In Tallinn war von einem Dialog mit Moskau keine Rede. Die gemeinsame Erklärung verpflichtete alle neun Unterzeichner zu rüstungsindustrieller Koproduktion und forderte, bis Juli alle sechs EU-Beitrittscluster zu öffnen, also jene gebündelten Kapitel des EU-Rechts, die ein Kandidatenland übernehmen muss.
Danach folgten konkrete Vereinbarungen. Lettland unterzeichnete mit der Ukraine ein Abkommen zum Technologietransfer bei Drohnen. Norwegen sagte im Rahmen seines Nansen-Programms rund 110 Mio. EUR für maritime Drohnen zu (Norwegian Government). Finnland bestätigte einen Rahmen für Koproduktion, Technologietausch und die Entsendung ukrainischer Militärspezialisten auf finnisches Gebiet (MTV Uutiset). Die Ukraine erscheint hier nicht mehr nur als Empfänger militärischer Hilfe. Sie ist Technologiepartner, dessen im Krieg erprobtes Drohnenwissen die NB8 einkaufen wollen.
Polens leerer Stuhl
Polen, größter Nachbar der Ukraine und wichtigster logistischer Umschlagplatz, blieb von beiden Gipfeln ausgeschlossen. Ministerpräsident Donald Tusk erklärte, „keine Vereinbarungen, an denen Polen nicht beteiligt ist“, würden von Warschau respektiert, und schlug vor, die E3 mit Polen und Italien zu einer „E5“ zu erweitern (Wiadomości WP).
Der Ausschluss Warschaus folgt einer harten militärischen Logik. Polen lehnt die Entsendung eigener Truppen in die Ukraine ab; Friedenstruppen gehören aber zu den fünf Bedingungen der E3. Ein früherer polnischer Botschafter formulierte es entsprechend nüchtern: „In dem Moment, in dem Polen erklärte, keine Soldaten zu schicken, fielen seine Beitrittschancen auf null“ (Onet). Der Eintrittspreis in Europas Friedensarchitektur ist offenbar die Bereitschaft, Kräfte am Boden einzusetzen.
Wege nach Ankara
Beide Linien laufen auf den NATO-Gipfel am 7. und 8. Juli in Ankara zu. Die NB8 fordern die Verbündeten auf, dort Zusagen zur Luftverteidigung zu machen. Die E3 haben weitere Abstimmung angekündigt. Ob Europas doppelte Strategie sich ergänzt oder gegenseitig blockiert, hängt von etwas ab, das keiner der beiden Gipfel liefern konnte: einem Signal Putins, dass er den diplomatischen Kanal als mehr betrachtet als europäisches Hintergrundrauschen in einer Lücke, die Washingtons Schwenk in den Nahen Osten hinterlassen hat.
Selenskyj wirkte an beiden Tischen handlungsfähig. In Ankara werden die europäischen Hauptstädte entscheiden müssen, welche Linie sie wirklich tragen.
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- 6/10/2026, 2:56:39 AM
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