Balkan-Gaskorridor bleibt Baustelle

Europe enlarges the gateway before completing the route beyond it.
Bildkomposition · tobriefSüdosteuropas Gasversorgung wird seit dem russischen Angriff auf die Ukraine neu sortiert, doch zwischen politischem Ziel und physischer Infrastruktur liegt in der Region oft noch eine beträchtliche Strecke. Elf Gasnetzbetreiber aus neun Ländern haben am 4. September in Thessaloniki eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet, mit der der Vertikale Gaskorridor in Richtung Westbalkan ausgeweitet werden soll (Novini.bg, Powergame).
Der Korridor ist kein einzelnes Großprojekt, sondern ein Geflecht aus nationalen Gasnetzen, Grenzverbindungsleitungen und LNG-Terminals, das über bilaterale Abmachungen zusammengefügt wird. Über diese Route wollen vor allem Binnenländer in Südosteuropa russisches Gas ersetzen, bevor die rechtlichen Fristen der EU im Jahr 2027 greifen. Die Erweiterung bleibt jedoch zunächst eine Absichtserklärung: Einige Leitungen, auf die sie setzt, sind noch nicht gebaut.
Die südlichen Verbindungen funktionieren
Am südlichen Eingang des Korridors gibt es bereits belastbare Infrastruktur. Das griechische LNG-Terminal Alexandroupolis, eine schwimmende Anlage, die per Schiff geliefertes Flüssigerdgas wieder in Pipelinegas umwandelt, ist seit Ende 2024 in Betrieb und verfügt über eine Kapazität von 5,5 Mrd. Kubikmetern pro Jahr (Adevarul). Auch das ältere Terminal Revithoussa nahe Athen ist auf Jahre hinaus stark nachgefragt: Fast alle Entladefenster sind bis 2040 gebucht (OT, Serbia Energy). Händler kalkulieren also nicht nur kurzfristig mit dieser Route.
Nördlich davon zeigt sich ebenfalls, dass der Korridor mehr ist als ein politisches Schlagwort. Die Verbindungsleitung IGB zwischen Griechenland und Bulgarien hat seit Beginn des kommerziellen Betriebs mehr als 39 Mio. MWh transportiert (ICGB). Wie To Brief im Juli berichtete, buchten Händler 46 Prozent der verfügbaren Kapazität an der griechisch-bulgarischen Grenze für mehrere Jahre im Voraus; das spricht für ein kommerziell relevantes Interesse an der Strecke (To Brief).
Kurzfristig ist Bulgarien der Engpass. Bulgartransgaz hat am 1. September zwar eine zusätzliche Parallelleitung auf dem begrenzten Abschnitt zwischen Kulata und Kresna fertiggestellt, sodass mehr Gas nach Norden fließen kann. Der größere Ausbau, der die Kapazität an der rumänischen Grenze auf 9,4 Mrd. Kubikmeter pro Jahr fast verdoppeln soll, hängt aber von weiteren Bauarbeiten ab, die bis 2027/28 laufen (Economic.bg, Jurnalul).
Jenseits Bulgariens hat Moldau begonnen, zeitlich befristete Transportrechte für Händler zu verkaufen, die Gas durch das moldauische Netz in Richtung ukrainischer Speicher bringen wollen. Im März 2026 wurde auf einer Route eine Rekordbuchung von 25.500 MWh pro Tag erreicht (Moldpres). Das sind keine großen Mengen, aber sie belegen, dass Gas technisch durch die gesamte Kette bewegt werden kann.
Der Westbalkan-Zweig steht noch weitgehend auf dem Papier
Mit der Unterzeichnung in Thessaloniki kamen der nordmazedonische Betreiber NOMAGAS und Transportgas Srbija aus Serbien zur Gruppe hinzu. Bei einem Treffen im Juli in Athen hatten die Betreiber bereits über verfügbare Kapazitäten, Tarifregeln und Zeitpläne an den jeweiligen Grenzübergängen gesprochen und eine gemeinsame Arbeitsgruppe eingerichtet (Gastrade).
Griechenland und Nordmazedonien bauen derzeit eine 123 Kilometer lange Verbindungsleitung von Nea Mesimvria nach Negotino, finanziert von der Europäischen Investitionsbank und der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (NOMAGAS). Weiter nördlich hat NOMAGAS einen Vertrag über 29,4 Mio. EUR für seinen 22,4 Kilometer langen Abschnitt einer Verbindung nach Serbien vergeben; die Fertigstellung ist für das vierte Quartal 2028 vorgesehen (Balkan Green Energy News). Für den serbischen Abschnitt von rund 144 Kilometern gibt es bislang keine vergleichbar detaillierten öffentlichen Vergabeangaben.
Serbien zeigt den Kernkonflikt des Projekts besonders klar. Srbijagas hat in Alexandroupolis für zehn Jahre 300 Mio. Kubikmeter pro Jahr reserviert (Vreme). Das ist eine echte Buchung, deckt aber nur etwa ein Zehntel des jährlichen serbischen Verbrauchs. Zugleich verlängert Serbien weiter kurzfristige Lieferabkommen mit Gazprom (Enerdata). Der Korridor verschafft Belgrad damit wohl ein zusätzliches Druckmittel in Verhandlungen, aber noch keine vollwertige Ersatzversorgung.
Wer gewinnt, wer zahlt
Die im Januar 2026 beschlossene EU-Verordnung zum Ausstieg aus russischem Gas verbietet langfristige russische LNG-Verträge ab Januar 2027 und sieht das Ende russischer Pipelinegasimporte bis Ende 2027 vor (European Commission, European Parliament). Damit bekommt der Korridor eine klare politische Frist.
Griechenland und Bulgarien profitieren als Umschlag- und Transitländer von Gebühren und strategischer Bedeutung. Rumänien gewinnt doppelt: zunächst als Transitland, später als Produzent, wenn das Offshore-Feld Neptun Deep im Schwarzen Meer wie geplant ab 2027 Gas fördert (OMV). Nordmazedonien könnte vom Endmarkt zum Transitland aufsteigen.
Ungarn und die Slowakei liegen politisch am Rand dieses Umbaus. Beide sind weiter auf russisches Gas über TurkStream angewiesen, also die Pipeline von Russland über die Türkei nach Südosteuropa. Der wichtigste slowakische Transitbetreiber bewegte 2025 nur noch rund 5,4 Mrd. Kubikmeter, nach 17,8 Mrd. Kubikmetern, nachdem der ukrainische Transit weggefallen war (Pravda.sk). Kroatiens LNG-Terminal Krk bietet zudem eine konkurrierende nicht-russische Route; eine Verdoppelung der Kapazität ist für Ende 2026 geplant (HRT).
Die Daten enthalten allerdings eine Warnung. Als die Ukraine im Dezember 2025 zwei Transitrouten versteigerte, buchte kein Unternehmen auch nur einen Kubikmeter (LIGA.net). Kooperationsvereinbarungen und Tarifnachlässe reichen eben nicht, wenn Preis, Zeitpunkt und Nachfrage nicht zusammenpassen. Thessaloniki hat den Korridor politisch verbreitert. Physisch vollständig und kommerziell gesichert ist er damit noch nicht.
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- 9/5/2026, 1:41:44 AM
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