EU-Handelsdefizit mit China erreicht €360 billion

The industrial dependencies of the green transition are now woven into the European fabric.
Bildkomposition · tobriefDie Handelsbeziehungen zwischen der EU und China sind inzwischen weniger ein außenwirtschaftliches Problem als eine industriepolitische Abhängigkeit. Am 29. Mai erklärte die Europäische Kommission, Handel und Investitionen mit China seien „nicht tragfähig“ — eine ungewöhnlich scharfe Formulierung gegenüber Peking. Der Befund folgt auf ein Jahr, in dem das EU-Handelsdefizit mit China um 18 Prozent auf 359,8 Mrd. EUR gestiegen ist (Eurostat, Courthouse News). Die europäischen Ausfuhren nach China sanken, die Einfuhren stiegen. Die Kommission warnt, 29 Mio. Arbeitsplätze in Europa stünden durch chinesische Überkapazitäten unter Druck (Le Monde).
Politisch ist das eine klare Ansage, rechtlich aber noch keine Wende. Aus der Erklärung folgten keine verbindlichen Maßnahmen. Und ausgerechnet seit die EU vor drei Jahren ihr „De-Risking“ ausgerufen hat, ist die tatsächliche Abhängigkeit von China größer geworden.
Die Abhängigkeit, die gewachsen ist
Eine in derselben Woche veröffentlichte Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung beziffert, wie wenig die Entkopplungsrhetorik bisher verändert hat. Deutschlands Abhängigkeit von chinesischen Importen stieg zwischen 2023 und 2025 in allen kritischen Kategorien: bei Lithiumbatterien von 49,7 auf 66,5 Prozent, bei Antibiotika von 65,3 auf 72,9 Prozent, bei Solarmodulen von 89 auf 92,6 Prozent (n-tv). Die Importmengen bei Seltenen Erden haben sich verdreifacht.
Das Muster gilt nicht nur für Deutschland. Italiens Einfuhren aus China stiegen zwischen 2019 und 2025 um 91 Prozent, der stärkste Zuwachs unter den großen EU-Volkswirtschaften (Corriere della Sera). EU-weit kommen 98 Prozent der Solarmodulimporte aus China; rund 70 Prozent der Lieferketten für Batterien und saubere Technologien laufen über chinesische Hersteller (Bruegel, EU JRC). Europa will sich also von einem Lieferanten lösen, den es derzeit stärker braucht als zuvor.
Frankreich drängt, Deutschland bremst
Fünf Staaten, Frankreich, Italien, Spanien, die Niederlande und Litauen, legten am 25. Mai ein gemeinsames Papier vor, in dem sie schnellere handelspolitische Schutzinstrumente forderten (Corriere della Sera). EU-Handelskommissar Stéphane Séjourné folgte mit einem Drei-Säulen-Plan: Der Anteil eines einzelnen Landes an einer Lieferkette solle auf 60 Prozent begrenzt werden, langwierige Untersuchungen einzelner Produkte sollten durch sektorweite Schutzklauseln ersetzt werden, und die Regeln gegen ausländische Subventionen sollten verschärft werden (Le Monde).
Deutschland unterschrieb nicht. Berlin lehnt handelspolitische Abwehrinstrumente nicht grundsätzlich ab, pocht aber auf gezielte, WTO-konforme Maßnahmen statt auf pauschale Lieferkettenobergrenzen, die chinesische Gegenmaßnahmen auslösen könnten (Handelsblatt). Wirtschaftsministerin Katherina Reiche reiste in derselben Woche mit einer 40-köpfigen Wirtschaftsdelegation nach Peking, sprach dort von „Reziprozität“ und verlässlichem Zugang zu Seltenen Erden. Vereinbarungen brachte sie nicht mit zurück (Deutschlandfunk).
Deutschlands Vorsicht folgt der eigenen Verwundbarkeit. Der bilaterale Handel mit China erreichte 2025 250 Mrd. EUR, obwohl sich die deutschen Autoexporte seit 2022 halbiert haben (Euronews, Krone). Die Widersprüche reichen aber weiter als Berlin. Italien unterzeichnete das harte Papier und begrüßt zugleich den chinesischen Autobauer Dongfeng als Mitbetreiber eines Stellantis-Werks in Cassino (Il Fatto Quotidiano). Ungarn, auf das 44 Prozent der chinesischen Direktinvestitionen in der EU entfielen, gerät besonders direkt in Konflikt mit Lieferkettenobergrenzen, weil diese die im Aufbau befindlichen BYD- und CATL-Werke schwächen könnten (Portfolio).
Die Rhetorik ist weiter als die Durchsetzung
Séjournés drei Säulen liegen bisher nicht als Gesetzestext vor. Ein geplantes Instrument gegen Überkapazitäten, mit dem die EU Einfuhren unter Produktionskosten vorsorglich blockieren könnte, befindet sich noch in der Konsultation; ein formeller Vorschlag wird frühestens im dritten Quartal 2026 erwartet (Atlantic Council). Die überarbeitete Verordnung zur Prüfung ausländischer Direktinvestitionen, also zur staatlichen Kontrolle von Übernahmen in sensiblen Sektoren, erreichte im Dezember 2025 eine politische Einigung, gilt aber erst ab Ende 2027 (Consilium).
Eine konkrete Änderung kommt immerhin bald: Zum 1. Juli entfällt die Zollfreigrenze von 150 EUR für Paketsendungen (European Commission). Bislang gelangen Millionen Kleinsendungen chinesischer Plattformen wie Temu und Shein zollfrei in die EU und unterbieten lokale Händler. Zölle auf jedes Paket treffen unmittelbar die Margen dieses Geschäftsmodells.
China wartet nicht, bis Europa sich sortiert hat. Peking hat bereits Zölle von 42,7 Prozent auf EU-Milchprodukte verhängt (Euronews), Airbus-Zertifizierungen verzögert, Ausfuhren Seltener Erden eingeschränkt und sieben europäische Rüstungsunternehmen sanktioniert (Radio Free Europe).
Der Europäische Rat will am 18. Juni die Richtung festlegen. Der eigentliche Zielkonflikt ist rechnerisch einfach und politisch schwer aufzulösen: Europa braucht chinesische Solarmodule, Batterien und Seltene Erden, um seine eigenen Klimaziele zu erreichen. Schützt es die heimische Industrie, verteuert und verlangsamt es die Dekarbonisierung; lässt es die Importe ungebremst laufen, erodiert die industrielle Basis, die es für langfristige Eigenständigkeit bräuchte (CER). Drei Jahre nach Beginn des De-Risking ist die Abhängigkeit gewachsen. Am 18. Juni muss Europa entscheiden, welcher Schaden schwerer wiegt: eine geschwächte grüne Transformation oder der weitere Verlust der eigenen Industriebasis.
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- 5/30/2026, 3:07:37 AM
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