EU-Zoll trifft Pakete, nicht Fracht

Fewer parcels cross the border, while the goods find another form.
Bildkomposition · tobriefSeit dem 1. Juli testet die EU an der Grenze, ob sich der Strom billiger Online-Importe mit einer einfachen Abgabe bremsen lässt. Die ersten Zahlen deuten auf eine deutliche Reaktion hin: Die slowenische Zollverwaltung bearbeitete im Juli 8.955 geringwertige Importsendungen, rund 40 Prozent weniger als im Juni (24ur). In Belgien, einem deutlich größeren Logistikknoten, war der Rückgang fast genauso stark. Am Flughafen Lüttich sanken die E-Commerce-Pakete binnen eines Monats um 41 Prozent, die Zollanmeldungen in der Lütticher Zone lagen sogar 67 Prozent unter dem Juniwert (RTBF, La Libre).
Die Regel ist bewusst grob gehalten. Für jedes Paket im Wert von bis zu 150 EUR, das aus einem Drittstaat an einen Käufer in der EU geschickt wird, fällt seit Juli ein pauschaler Zoll von 3 EUR je Warenkategorie an, also je Art von Produkt im Paket (EUR-Lex, Ship24). Fünf gleiche T-Shirts lösen nur einmal die Abgabe aus. Ein Paket mit Handyhülle, Ladegerät und Sonnenbrille wird dagegen dreimal belastet (CEC Spain).
Die Abgabe kommt zur Einfuhrumsatzsteuer hinzu, also jener Mehrwertsteuer, die beim Import ohnehin fällig wird. Sie ersetzt eine lange geltende Zollbefreiung für solche Kleinsendungen. Brüssel versteht die Maßnahme als zweijährige Übergangslösung, bis ein breiteres Zolldatensystem aufgebaut ist (EUR-Lex); To Brief hatte darüber berichtet, als die EU-Regel und Frankreichs zusätzliche Umweltabgabe für Ultra-Fast-Fashion in Kraft traten (To Brief).
Weniger Pakete, nicht zwingend weniger Waren
Die belgischen Daten zeigen allerdings, warum Zollstatistiken nur einen Teil der Wirklichkeit erfassen. Während die Zahl kleiner E-Commerce-Pakete in Lüttich stark zurückging, stieg die gesamte Frachtmenge am Flughafen um 4 Prozent. Sendungen mit einem Warenwert von mehr als 150 EUR legten um 10 Prozent zu (Breakbulk News, L'Avenir). Es kamen also weniger Billigpakete über die Grenze, aber nicht unbedingt weniger Ware.
Eine plausible Erklärung ist, dass Händler Bestellungen bündeln, sie als größere Sendung einmal verzollen und die Einzelzustellung erst innerhalb der EU organisieren. Eine zweite Möglichkeit: Plattformen wie Shein und Temu verlagern Lagerbestände nach Europa. Die spätere Lieferung an den Kunden ist dann eine innereuropäische Sendung und taucht in den Zollzahlen nicht mehr auf (Business Insider Polska).
In Polen scheint dagegen auch die Nachfrage nachgelassen zu haben. Die Nutzerbasis von Temu fiel dort von 16,68 Mio. im Juni auf 13,6 Mio. im Juli, ein Rückgang von mehr als 20 Prozent. AliExpress verlor mehr als 15 Prozent (RMF24, Puls Biznesu). Das sind Nutzungszahlen, keine Transaktionsdaten. Sie sprechen aber dafür, dass die Störung an der Grenze nicht nur ein logistischer Umbau ist. Für Deutschland, den größten Verbrauchermarkt der EU, liegen bislang keine vergleichbaren Daten vor.
Eine Pauschale belastet die billigsten Käufe am stärksten
Belgien nahm allein im Juli 42,5 Mio. EUR aus der neuen Abgabe ein (RTL, L'Avenir). Am ehesten profitieren Händler mit Sitz in der EU. Die alte Befreiung erlaubte Verkäufern außerhalb Europas, Waren zollfrei einzuführen, während europäische Wettbewerber volle Steuer-, Zoll- und Compliance-Kosten tragen mussten. Dieser Kostenvorteil wird nun kleiner.
Die Verlierer sind Käufer sehr billiger Produkte. Bei einem Artikel für 5 EUR erhöht allein die Zollpauschale den Preis um mehr als die Hälfte. Shein hat bereits angekündigt, die Preise in Europa anzuheben (Cinco Días). Weil die Abgabe pauschal erhoben wird und nicht als Prozentsatz des Warenwerts, trifft sie die billigsten Käufe am härtesten.
Große Plattformen haben dabei einen strukturellen Vorteil. Shein und Temu können Waren in EU-Lagern vorhalten und aus zollpflichtigen Importen spätere zollfreie Lieferungen innerhalb des Binnenmarkts machen. Ein kleiner grenzüberschreitender Händler kann diesen Umbau kaum finanzieren (DHL). Die Politik verringert also einen Teil des Kostenvorteils von Drittstaatenhändlern, könnte den Markt aber zugleich stärker zugunsten jener Plattformen verschieben, die groß genug sind, ihre Logistik neu zu organisieren.
Der erste Monat zeigt, dass die Abgabe verändert, wie Waren an die EU-Grenze gelangen. Er belegt noch keinen Nachfrageeinbruch. Dafür bräuchte es Daten, die Zollanmeldungen allein nicht liefern: Transaktionen der Plattformen, Sendungsmengen der Paketdienste und Konsumausgaben, die Zollbehörden, Logistiker und Plattformen bislang nicht veröffentlicht haben.
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- 8/17/2026, 2:03:42 AM
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