EU uneins über €4 billion CO₂-Deal

Industrial survival in Southern Europe now rests beneath the weight of a monumental carbon formula.
Bildkomposition · tobriefFünf Mitgliedstaaten stimmten dagegen, fünf enthielten sich. Dennoch billigten die EU-Staaten neue Effizienzbenchmarks für die Jahre 2026 bis 2030, nach denen Europas Industrie in den kommenden fünf Jahren kostenlose Emissionszertifikate erhält. Für energieintensive Unternehmen bedeutet die Anpassung eine Entlastung von rund 4 Mrd. EUR (BSS/AFP). Für Stahlwerke, Keramikhersteller und Zementöfen ist das weniger Klimapolitik als Standortpolitik: Die EU hält Betriebe in Europa, während der CO₂-Grenzausgleich für Importe erst schrittweise greift.
Wie die Formel funktioniert
Das EU-Emissionshandelssystem ETS ist der zentrale CO₂-Markt Europas. Es begrenzt die Gesamtemissionen von Industrie und Stromerzeugung; Unternehmen müssen für jede ausgestoßene Tonne CO₂ ein Zertifikat abgeben. Ein Teil dieser Zertifikate wird versteigert, ein anderer kostenlos an Branchen vergeben, die von „Carbon Leakage“ bedroht sind, also von einer Verlagerung der Produktion in Länder mit schwächeren Klimaregeln (Europäische Kommission).
Die Benchmark legt fest, wie viele kostenlose Zertifikate eine Anlage erhält. Sie wird je Produkt berechnet und orientiert sich daran, wie viel CO₂ die saubersten zehn Prozent der Anlagen für eine Produktionseinheit ausstoßen (Europäische Kommission). Wer sauberer produziert als die Benchmark, deckt einen großen Teil seiner ETS-Kosten über Gratiszuteilungen ab. Wer darüber liegt, muss am Markt zukaufen.
Mit der Aktualisierung für 2026 bis 2030 werden diese Produktmaßstäbe neu kalibriert. Nach den angepassten Werten deckt die kostenlose Zuteilung im Durchschnitt weiter etwa 75 Prozent der Emissionen ab; zudem berücksichtigt die Formel nun bei 14 Produktbenchmarks indirekte Stromemissionen, was Betriebe entlastet, die auf elektrische Prozesse umstellen (UmweltDialog). Als nächster Schritt steht die formelle Annahme durch die Europäische Kommission an (Bloomberg).
Wer dagegen war und warum
Polen, Italien, Litauen, Lettland und Malta stimmten polnischen und internationalen Medien zufolge gegen die neuen Benchmarks (RMF24, Bloomberg). Eine offizielle namentliche Abstimmungsliste liegt bislang nicht vor, die Angaben beruhen also auf Medienberichten.
Am greifbarsten ist der italienische Widerstand. Die Keramikindustrie des Landes zählt 242 Unternehmen, 25.550 Beschäftigte und 7,5 Mrd. EUR Umsatz; ihre direkten ETS-Kosten dürften nach den neuen Benchmarks von 70 Mio. EUR auf 120 Mio. EUR im Jahr steigen (Il Resto del Carlino). Ministerpräsidentin Giorgia Meloni griff EU-„Bürokraten“ an; sie hätten Regeln verschärft, die der Rat nach ihrer Darstellung eigentlich abmildern wollte (Il Fatto Quotidiano). Portugal stimmte zwar nicht dagegen, warnte Brüssel aber schriftlich, die Änderungen könnten Keramik, Glas und Zement belasten, bevor wirtschaftlich tragfähige Alternativen verfügbar seien (Jornal Económico).
Die Gegenposition, vertreten vor allem von den Niederlanden und der Kommission, folgt einer anderen Logik: Ein glaubwürdiger CO₂-Preis, kombiniert mit dem CO₂-Grenzausgleich CBAM, belohnt effiziente europäische Produzenten und verteuert schmutzigere Importe (NEa, Europäische Kommission DG TAXUD). Jedes kostenlos vergebene Zertifikat wird allerdings nicht versteigert, wodurch den öffentlichen Dekarbonisierungsfonds Einnahmen fehlen. Klimagruppen warnen, eine großzügige Gratiszuteilung könne Unternehmen faktisch fast von CO₂-Kosten freistellen und damit den Investitionsdruck schwächen, den das ETS ja gerade erzeugen soll (Sandbag).
Die zeitliche Lücke beim CBAM
Die Abstimmung ist deshalb heikel, weil der CBAM parallel eingeführt wird. Ab 2026 müssen Importeure von Zement, Stahl, Aluminium, Düngemitteln und weiteren erfassten Gütern für den CO₂-Gehalt ihrer Produkte zahlen; der kostenpflichtige Anteil steigt von 2,5 Prozent im Jahr 2026 auf 100 Prozent bis 2034 (Finnischer Zoll). Die kostenlose Zuteilung an EU-Produzenten soll im gleichen Rhythmus auslaufen. In der Theorie ersetzt das eine Instrument das andere: Fabriken verlieren Gratiszertifikate, bekommen aber Schutz gegen Wettbewerber mit höheren Emissionen.
In der Praxis passen die Systeme nur ungenau zusammen. Die ETS-Zuteilung wird auf Anlagenebene anhand von Produktbenchmarks berechnet; CBAM-Anpassungen greifen dagegen auf Warenebene über Zollcodes (Finnischer Zoll). Eine Fabrik, ein Produkt und eine Importkategorie sind eben nicht immer deckungsgleich. Die Industrie hält den Grenzausgleich zudem noch nicht für ausreichend erprobt: Grüner Stahl etwa brauche Strompreise von rund 50 EUR/MWh, um in Europa investierbar zu bleiben; viele Hersteller erreichten diese Schwelle noch nicht (Eurometal).
Eine öffentliche Tabelle, die die Änderungen Benchmark für Benchmark, die Verteilung zusätzlicher Gratiszertifikate nach Mitgliedstaaten oder den Nettoeffekt nach CBAM-Schutz und nationalen Ausgleichsregeln zeigt, gibt es nicht. Die für Juli erwartete ETS-Überprüfung der Kommission dürfte prüfen, ob künftige kostenlose Zertifikate stärker an Investitionspflichten zur Dekarbonisierung geknüpft werden (S&P Global). Davon hängt ab, ob die 4 Mrd. EUR eine Brücke zu saubererer Produktion sind oder eine Subvention ohne klare Gegenleistung. Solange die Daten nicht veröffentlicht sind, kann das außerhalb Brüssels niemand seriös beziffern.
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