EU greift Bulgariens 3.5%-Defizit auf

The Eurozone’s newest member faces the harsh glare of a disciplinary procedure.
Bildkomposition · tobriefBulgarien ist am 1. Januar 2025 der Eurozone beigetreten. Siebzehn Monate später will die Europäische Kommission am 3. Juni ein Defizitverfahren gegen das Land eröffnen, also jenen Disziplinarmechanismus, der greift, wenn das Haushaltsdefizit über 3 Prozent des BIP liegt. Kein Land ist bisher so schnell vom Eurobeitritt in ein solches Verfahren geraten.
Der Fall zeigt vor allem, wen die europäischen Fiskalregeln tatsächlich treffen. Eurostat bestätigte Bulgariens Defizit für 2025 mit 3,5 Prozent des BIP (Economic.bg, BTA). Die Kommission erwartet eine Verschlechterung auf 4,1 Prozent im Jahr 2026 und 4,3 Prozent im Jahr 2027 (BTA). Unter den zehn EU-Staaten, die derzeit in einem Defizitverfahren stehen oder hineingeraten, also rund 37 Prozent der Union, hat Bulgarien das niedrigste Defizit. Rumänien liegt bei 7,9 Prozent, Frankreich bei 5,1 Prozent, die Slowakei bei 4,5 Prozent.
Gleiches Defizit, andere Behandlung
Deutschland verzeichnete 2025 nach Angaben von Destatis ein Defizit von 119,1 Mrd. EUR, rund 3,5 Prozent des BIP. Der IWF erwartet, dass es sich bis 2027 in Richtung 4 Prozent verschlechtert. Ein Defizitverfahren droht Deutschland dennoch nicht. Berlin aktivierte die nationale Ausweichklausel, die zusätzliche Defizite von bis zu 1,5 Prozentpunkten für Verteidigungsausgaben erlaubt; der Rat billigte dies ohne Einwände. Bruegel schrieb, die Kommission habe Deutschlands Fiskalplan „ohne gründliche Prüfung der Annahmen“ genehmigt.
Bulgarien aktivierte dieselbe Klausel im Juli 2025. Rechnet man die Verteidigungsausnahme ein, läge das Defizit 2025 innerhalb der 3-Prozent-Grenze. Bei Deutschland verhindert die Klausel das Verfahren ganz. Bei Bulgarien mildert sie es nur ab. Neu ist dieses Muster nicht: Kein Gründungsstaat der EU ist je unter dem Stabilitäts- und Wachstumspakt sanktioniert worden, also jenem Regelwerk, das die 3-Prozent-Obergrenze festlegt. Als Frankreich und Deutschland Anfang der 2000er Jahre dieselben Regeln verletzten, setzten sie eine lockerere Anwendung durch.
Griechenland, dessen Defizit 2009 nach Jahren statistischer Manipulationen 15,1 Prozent erreichte, führt inzwischen die Eurogruppe. 2025 erzielte das Land einen Überschuss von 1,7 Prozent (Europäische Kommission). Das slowakische Institute for Financial Policy formulierte es so: „Die traditionelle Einteilung der EU-Staaten in verantwortliche und unverantwortliche gilt nicht mehr.“
Was in Sofia schiefging
Bulgariens Haushaltslücke entstand nicht über Nacht. Das Land erlebte acht Wahlen in fünf Jahren. Es trat der Eurozone mit einer Übergangsregierung, ohne verabschiedeten Haushalt und mit gesetzlich festgelegten Ausgabenverpflichtungen bei. Automatische Erhöhungen von Renten und öffentlichen Gehältern trieben die Personalkosten 2025 auf 12,4 Mrd. EUR, was 30 Prozent der Einnahmen entsprach.
Ministerpräsident Radew, der im Mai 2026 ins Amt kam, warf seinen Vorgängern „finanzielle Tricks“ vor: Sie hätten Steuerzahlungen vorgezogen und Sonderdividenden staatlicher Unternehmen abgeschöpft. Der frühere Finanzminister Klisurski hielt dagegen, Eurostat habe alle Daten geprüft. Der Ökonom Schterjo Noscharow beziffert die umstrittenen Manöver auf rund 900 Mio. EUR. Beides kann gleichzeitig stimmen: Die Buchführung war legal, ließ die fiskalische Entwicklung aber wohl stabiler aussehen, als sie tatsächlich war.
Was nun folgt
Der Bericht vom 3. Juni eröffnet zunächst ein Verfahren. Bulgarien erhält sechs Monate Zeit, um Korrekturmaßnahmen vorzulegen. Der reformierte Rahmen für Defizitverfahren verlängert die Anpassungsfrist von vier auf sieben Jahre, wenn ein Land sich zu Strukturreformen verpflichtet. Diesen Weg könnte Sofia nutzen, falls eine stabile Regierung zustande kommt. Geldbußen wurden bisher gegen niemanden verhängt.
Der eigentliche Druckpunkt ist die mögliche Aussetzung von EU-Strukturfonds, auf die Bulgarien bei einem Pro-Kopf-BIP von rund 60 Prozent des EU-Durchschnitts angewiesen ist. Aus der Aufbau- und Resilienzfazilität hat das Land erst 53 Prozent seiner Mittel abgerufen, wobei alle Auszahlungen bis Jahresende erfolgen müssen. Ein weiterer Risikoposten steht außerhalb der offiziellen Haushaltsrechnung: Litasco, die Handelssparte von Lukoil, hat wegen der staatlichen Übernahme ihrer Raffinerieanlagen eine Schiedsklage über 3 Mrd. EUR gegen Bulgarien eingereicht. Verliert Sofia, entspräche die Einmalbelastung rund 3 Prozent des BIP und würde das Defizitbild deutlich verschärfen.
Ein glaubwürdiger Korrekturplan setzt eine handlungsfähige Regierung und einen verabschiedeten Haushalt voraus. Bulgarien hat derzeit weder das eine noch das andere. Wenn zehn Länder dieselbe Obergrenze reißen und ausgerechnet das neueste, kleinere Mitglied in den Mittelpunkt rückt, wirken die Regeln weniger wie reine Ökonomie als wie eine Ordnung politischer Gewichte.
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