EU akzeptiert US-Zolldeckel von 15 Prozent

The European industrial base is preserved in a state of permanent and fragile disadvantage.
Bildkomposition · tobriefVor Trumps Handelskrieg lagen die US-Importzölle auf europäische Waren meist bei 2 bis 5 Prozent. Das Turnberry-Abkommen, dem der Handelsausschuss des Europäischen Parlaments am 2. Juni zugestimmt hat, verschiebt dieses Verhältnis deutlich: Die EU schafft ihre Zölle auf amerikanische Industriegüter vollständig ab. Die Vereinigten Staaten begrenzen ihre Zölle auf europäische Exporte im Gegenzug auf 15 Prozent.
Damit wird ein für Europa schlechteres Handelsverhältnis festgeschrieben. Die EU gibt ihre eigenen Zölle auf, um eine Obergrenze zu kaufen, die drei- bis sechsmal höher liegt als die Sätze vor 2018. Die Logik dahinter ist defensiv: Trump hatte mit 25 Prozent oder mehr gedroht, 15 Prozent galten in Brüssel als kleinerer Schaden. Ob diese Rechnung trägt, ist der Kern des Abkommens.
Worauf Europa sich eingelassen hat
Das Abkommen, das Kommissionspräsidentin von der Leyen und Trump im Juli 2025 in seinem schottischen Golfresort ausgehandelt hatten, betrifft den größten Teil der Industrieprodukte. Amerikanische Maschinen, Elektronik und Chemieprodukte kommen künftig zollfrei nach Europa. Vergleichbare europäische Waren zahlen auf dem Weg in die USA pauschal 15 Prozent. Zudem sagte die EU zu, mehr amerikanisches Flüssigerdgas (LNG) zu kaufen und europäische Investitionen in US-Industrie zu fördern; über den genauen Umfang dieser Zusagen wird allerdings weiter gestritten.
Stahl und Aluminium sind ausgenommen. Für sie bleiben die amerikanischen Sicherheitszölle von 50 Prozent bestehen. Diese Rechtsgrundlage erlaubt es dem Präsidenten, normale Handelsregeln zu umgehen, indem er Importe zur Gefahr für die nationale Verteidigung erklärt (Rat der EU, 20. Mai 2026).
Das Parlament knüpfte Bedingungen daran. Die europäischen Zollsenkungen greifen erst, nachdem Washington seinerseits gehandelt hat. Werden die Metallzölle von 50 Prozent bis Ende 2026 nicht gesenkt, kann die Kommission das gesamte Arrangement aussetzen. Ende 2029 läuft es ohnehin aus.
Der Vorsitzende des Handelsausschusses, Bernd Lange, nannte es „kein gutes Abkommen“. Bundeskanzler Merz hielt dagegen, es sei „das Beste, was erreicht werden konnte“. Beides kann stimmen: Das Abkommen ist schlechter als der frühere Zustand, aber ein offener Handelskrieg wäre wohl teurer.
Wo die Kosten anfallen
Am härtesten trifft es die deutschen Autohersteller. Der Autozoll steigt von 2,5 auf 15 Prozent, also um das Sechsfache. Deutschland exportierte 2025 rund 409.000 Fahrzeuge in die USA (Stern). Das Center Automotive Research in Bochum schätzt die jährlichen Mehrkosten für die deutsche Autoproduktion auf etwa 2,5 Mrd. EUR (Handelsblatt).
Selbst innerhalb der Branche verteilt sich die Last ungleich. Porsche und Audi, die keine US-Werke haben, tragen die vollen 15 Prozent. BMW und Mercedes können dank amerikanischer Montagewerke einen Teil der Belastung umgehen. Genau daraus entsteht ein stiller industriepolitischer Druck: Das Abkommen macht es attraktiver, Produktion in die Vereinigten Staaten zu verlagern, und kann Europas industrielle Basis schrittweise ausdünnen.
Die deutschen Wirtschaftsverbände formulieren die Kritik offen. Der BDI, der die großen Industrieunternehmen vertritt, der Autoindustrieverband VDA und der Maschinenbauverband VDMA warnen, das Abkommen schwäche die europäische Wettbewerbsfähigkeit, ohne ausreichende Gegenleistungen zu sichern. Auch das ifo Institut und das IfW Kiel, zwei führende deutsche Wirtschaftsforschungsinstitute, sehen dauerhafte strukturelle Nachteile für Exporteure, die auf den US-Markt angewiesen sind.
Eine Einbahnstraße
Amerikanische Produzenten erhalten zollfreien Zugang zum europäischen Markt mit 450 Mio. Menschen. Europäische Produzenten zahlen 15 Prozent, wenn sie in die USA liefern. Bei Stahl und Aluminium sind es 50 Prozent.
Für europäische Lebensmittel- und Getränkeexporteure gilt dieselbe Hürde. Französischer Wein, italienische Spezialitäten, irischer Whiskey: alles fällt unter den vollen Satz von 15 Prozent, ohne erkennbaren Weg zu einer Ausnahme. Agrarhandel war als europäische Exportchance schlicht nicht Teil der Verhandlung. Amerikanische Agrarprodukte erhalten besseren Zugang zu Europa; europäische Lebensmittel in den USA bekommen keine entsprechende Gegenleistung.
Die eigentliche Probe kommt im Dezember. Washington hat sieben Monate Zeit, die Metallzölle von 50 Prozent zu senken, sonst kann die EU ihre Zugeständnisse aussetzen. Nur ist diese Drohung brüchig. Anfang Mai brachte Trump bereits 25 Prozent Autozölle ins Spiel, also mehr als die Obergrenze des Abkommens selbst. Wenn die Kommission die Aussetzungsklausel zieht, riskiert sie genau jene Eskalation, die das Abkommen verhindern soll. Europas glaubwürdige Ausstiegsdrohung ist damit zugleich das Ergebnis, das es am meisten vermeiden will. Die Haltbarkeit des Deals hängt wohl davon ab, dass niemand diesen Widerspruch testet.
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