Gaspreis steigt wegen Hormus-Risiko

The maritime tether to the Gulf consists of shifting and unstable sands.
Bildkomposition · tobriefDer Öl- und Gasmarkt reagiert auf geopolitische Risiken oft schneller als die physische Versorgung. Genau das zeigt die Lage am Persischen Golf: Am 17. Juli schloss Brent-Rohöl bei 88,10 Dollar je Barrel, rund 16 Prozent höher als eine Woche zuvor (Reuters via Euronext). Der europäische Referenzpreis für Gas, der niederländische TTF-Kontrakt, stieg über 60 EUR/MWh, nachdem er wenige Tage zuvor noch unter 45 EUR gelegen hatte (Investing, Corriere dello Sport). Dabei ist keine Pipeline nach Europa unterbrochen, kein europäischer Hafen blockiert, und die Straße von Hormus ist auch nicht offiziell geschlossen. Europa bezahlt trotzdem einen Energiepreisschock, der an einem Engpass entsteht, den es selbst nicht kontrolliert.
Drei Glieder der Preiskette
Durch die Straße von Hormus laufen täglich etwa 20,9 Mio. Barrel Öl und rund ein Fünftel des weltweiten Handels mit Flüssigerdgas (EIA). Der größte Teil dieser Mengen geht nach Asien, nicht nach Europa. Doch europäische Energiepreise werden über globale Referenzmärkte gebildet: Öl über Brent, Gas über TTF. Beide reagieren sofort, wenn im Golf ein Versorgungsrisiko entsteht. Händler warten nicht, bis europäischen Raffinerien oder Versorgern tatsächlich Mengen fehlen.
Der Mechanismus hat drei Stufen. Erstens steigen die Referenzpreise: Wenn Brent und TTF wegen eines wahrgenommenen Golfrisikos zulegen, verteuert sich Energie für europäische Importeure unabhängig davon, woher ihre jeweilige Ladung stammt. Zweitens steigen die Versicherungskosten. Die Kriegsrisikodeckung für eine einzelne Tankerdurchfahrt liegt inzwischen bei 3 bis 10 Prozent des Schiffswerts, nach rund 0,25 Prozent vor dem Konflikt (The National, OpsCon). Die Haftpflichtdeckung, die Reeder für Fahrten benötigen, ist weiterhin verfügbar; einige Festprämienverträge wurden allerdings gekündigt und zu höheren Sätzen neu geschrieben (LMA). Jede teurere Fahrt erhöht den Lieferpreis von Rohöl, Flüssiggas und Raffinerieprodukten.
Drittens verschärft sich der Wettbewerb um Ersatzmengen. Wenn katarisches Flüssiggas den Golf nicht zuverlässig verlassen kann, bieten asiatische Käufer stärker auf flexible Ladungen aus dem Atlantikraum. Europa muss dann höhere Preise zahlen, um seine Speicher zu füllen.
Wo die Kosten ankommen
Italien zeigt die Störung besonders konkret. QatarEnergy berief sich beim langfristigen Flüssiggasvertrag mit Edison auf höhere Gewalt; dadurch fielen 21 Ladungen mit insgesamt 2,7 Mrd. Kubikmetern zwischen April und Anfang September aus. Edison ersetzte 14 davon, überwiegend durch Lieferungen aus den Vereinigten Staaten (Corriere del Veneto). Die italienischen Gasspeicher sind zu mehr als 70 Prozent gefüllt und liegen damit deutlich über dem EU-Durchschnitt von rund 52 Prozent. Eni-Chef Claudio Descalzi sagte im Parlament jedoch, die eigentliche Sorge sei die Versorgungskontinuität in einem ohnehin angespannten Markt (ANSA, ANSA).
Griechenland macht sichtbar, wie Reeder ihre Routen neu abwägen. Die Durchfahrten von Tankern mit mehr als 10.000 Tonnen Tragfähigkeit durch Hormus sanken in der Woche vom 6. bis 12. Juli auf 59, nach 117 in der Vorwoche (OT). Griechisch kontrollierte Tanker meiden die Meerenge nicht grundsätzlich. Doch jede Fahrt wird nun einzeln kalkuliert: Versicherungskosten, Risiko für die Besatzung, mögliche Marinebegleitung. Weniger Schiffe bedeuten höhere Frachtraten und damit teurere Energie.
Ungarn zeigt die weniger offensichtliche Falle. Mehr als 90 Prozent der Ölimporte und 74 Prozent der Gasimporte kommen über russische Pipelines. Dennoch stiegen die Großhandelspreise für Benzin um 14 Forint je Liter; die Regierung verwies auf strategische Reserven für 87 Tage, um die Märkte zu beruhigen (Portfolio, Portfolio). Pipelineabhängigkeit schützt ein Land also nicht vor globalen Referenzpreisen. Sie verändert nur den Übertragungsweg: Der Schock kommt über die Märkte, nicht über fehlende Tanker.
In Polen erhöhte Orlen seit Anfang Juli die Großhandelspreise für Benzin um 24 Groszy je Liter und für Diesel um 46 Groszy (WNP). Die Lebensmittelpreise lagen im Juni nur 1,9 Prozent über dem Vorjahreswert (ING). Ein Durchschlagen höherer Kraftstoffpreise auf die Regale ist möglich, belegt ist es bislang aber noch nicht.
Puffer ohne Hebel
Europa kann diesen Schock abfedern, aber nicht steuern. Die Europäische Kommission überwacht die Gasspeicherziele. Nach EU-Recht, konkret der Richtlinie 2009/119/EG des Rates, müssen die Mitgliedstaaten Ölvorräte für 90 Tage halten. Das reicht, um Preisspitzen zu glätten, aber nicht, um sie zu beenden. EUNAVFOR Aspides, die EU-Mission zum Schutz der Schifffahrt im Roten Meer und in angrenzenden Seewegen, kann ihr Mandat ausweiten, wenn die Regierungen der Mitgliedstaaten zustimmen. Neue Infrastruktur verbessert zudem die künftige Verhandlungsposition: Das kroatische LNG-Terminal Krk will ab Anfang 2027 seine Kapazität um 1 Mrd. Kubikmeter pro Jahr erhöhen, auch mit Blick auf Käufer in Osteuropa (Bloomberg Adria).
Keines dieser Instrumente setzt globale Preise. Kein europäischer Akteur kann die Straße von Hormus öffnen, Versicherer zu niedrigeren Prämien zwingen oder verhindern, dass asiatische Käufer europäische Versorger bei Ersatzladungen überbieten. Für die Energieminister der EU bleibt damit eine nüchterne Frage: Ob aus Speichern, Reserven und Abwarten eine koordinierte Strategie wird, oder ob „Abfedern“ nur die höfliche Bezeichnung dafür ist, dass Europa im entscheidenden Moment keinen direkten Hebel hat.
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