E5 beansprucht Europas Sicherheitsführung

Five visions for a single pillar remain tangled in the hardware of national interest.
Bildkomposition · tobriefEuropas Sicherheitspolitik verschiebt sich seit dem russischen Angriff auf die Ukraine schrittweise von Brüsseler Verfahren hin zu kleineren Machtformaten. Am 24. Juni 2026 trafen sich die Regierungschefs Frankreichs, Deutschlands, Italiens, Polens und des Vereinigten Königreichs in Berlin, um vor dem NATO-Gipfel am 7. und 8. Juli in Ankara eine gemeinsame Linie abzustimmen. NATO-Generalsekretär Mark Rutte wurde aus Washington zugeschaltet, wo er kurz zuvor Donald Trump getroffen hatte (Bundesregierung, Euronews).
Damit wurde E5, ein selbst gewählter Kreis der fünf größten europäischen Militärmächte ohne formellen Status in EU oder NATO, erstmals vom Verteidigungsministerformat zur Runde der Staats- und Regierungschefs aufgewertet. Berlin war insofern mehr als Vorbereitung auf Ankara: Fünf Hauptstädte meldeten den Anspruch an, Europas Sicherheitspolitik stärker zu steuern. Zugleich zeigte das Treffen, dass sie unter einem „stärkeren Europa“ keineswegs dasselbe verstehen.
Fünf Flaggen, drei Vorstellungen
Die gemeinsame Erklärung behandelte Verteidigungsausgaben, industrielle Zusammenarbeit und die Unterstützung der Ukraine (Elysée, UK Government). Der Ton war einvernehmlich. Politisch liegt darunter ein erheblicher Zielkonflikt.
Bundeskanzler Friedrich Merz richtete das Treffen aus, um vor Ankara eine gemeinsame Position zu formen. Zugleich erweiterte er die alte E3-Gewohnheit, in der Paris, Berlin und London europäische Sicherheitspolitik unter sich abstimmten, um Rom und Warschau. Beide Hauptstädte hatten gegen ihren Ausschluss aus solchen Formaten Einwände erhoben (Le Figaro, Deutschlandfunk).
Die härtesten Gegensätze verlaufen innerhalb dieses Konsenses. Deutschland will, dass Europa in der NATO mehr leistet, nicht außerhalb der Allianz: mehr Geld, mehr Fähigkeiten, mehr Truppen für bestehende NATO-Strukturen. Frankreich akzeptiert diesen Rahmen öffentlich, sieht E5 aber auch als Hebel für europäische Kontrolle über Rüstungsindustrie, Einsatzfähigkeit und Kommandostrukturen. Polen will die Vereinigten Staaten möglichst fest in die Abschreckung an der Ostflanke einbinden und verhandelt über eine dauerhafte amerikanische Basis auf polnischem Boden (DW). Italien verfolgt, wie Ministerpräsidentin Giorgia Meloni es darstellte, ein einfacheres Ziel: Rom will in dem Raum sitzen, in dem entschieden wird (Il Fatto Quotidiano).
E5 kann Positionen koordinieren, politischen Druck erzeugen und Absichten signalisieren. Die NATO übersetzt solche Signale aber weiterhin in Bündnisplanung, die Vereinigten Staaten kontrollieren zentrale Fähigkeiten wie Luftverteidigung und Aufklärung, und die Rüstungsunternehmen entscheiden faktisch mit, was industriell lieferbar ist. Diese Wirkungskette ist entscheidend, weil ausgerechnet das ehrgeizigste deutsch-französische Rüstungsprojekt wenige Wochen vor Berlin scheiterte.
Die FCAS-Warnung
FCAS/SCAF, das geplante Kampfflugzeugsystem der nächsten Generation mit bemannten Jets und vernetzten Drohnen, scheiterte daran, dass Dassault und Airbus die Kontrolle über Design, geistiges Eigentum und Exporte nicht klären konnten (The Guardian, ICDS). Der Fall ist der stärkste Einwand gegen die Kooperationsrhetorik von E5. Berlin und Paris konnten sich auf eine Gipfelerklärung einigen. Sie konnten sich nicht darauf einigen, wer das Flugzeug baut.
Die EU versucht, gemeinsame Beschaffung mit Geld anzuschieben. Ihr Instrument SAFE, kurz für Security Action for Europe, stellt bis zu 150 Mrd. EUR an Verteidigungsdarlehen bereit und knüpft diese an Regeln für europäische Wertschöpfung (European Commission). Doch Geld löst das FCAS-Problem nicht. Gemeinsame Produktion hängt weiter davon ab, ob Regierungen und Unternehmen klären, wer welche Kontrolle erhält. Nach Recherchen hatten zwar 19 Staaten SAFE-Mittel beantragt, abgeschlossen waren aber erst drei operative Vereinbarungen (Euperspectives).
Was die USA tatsächlich tun werden
Ruttes Schaltung von Washington nach Berlin war bewusst gesetzt. Er verwies darauf, die europäischen NATO-Mitglieder und Kanada hätten 2025 mehr als 90 Mrd. US-Dollar zusätzlich gegenüber dem Vorjahr ausgegeben (Atlantic Council). Zugleich bestätigte er, die Vereinigten Staaten hätten einige zugesagte Beiträge zur NATO-Streitkräfteplanung reduziert; europäische Staaten füllten bereits Teile der Lücke (NATO).
Rutte vermittelt damit einen praktischen Tausch: Europa zahlt mehr und übernimmt mehr, um die amerikanische Bindung an die Allianz zu sichern. Öffentlich gibt es aber keinen belastbaren Nachweis für eine verbindliche amerikanische Gegenleistung bei Truppen, Schlüsseltechnologien oder operativer Unterstützung (Politico). Artikel 5, die Beistandsklausel der NATO, bleibt rechtlich intakt. Das Risiko liegt eher darin, dass Washington sie langsam, eng oder zu eigenen Bedingungen auslegt: durch verzögerte Stationierungsentscheidungen, zurückgehaltene Munitionsfreigaben oder Bedingungen für Patriot-Lieferungen.
Spaniens Abwesenheit zeigt die neue Rangordnung. Madrid ist die viertgrößte Volkswirtschaft der EU, doch E5 richtet sich nach militärischem Gewicht und Nähe zur Bedrohung an der Ostflanke, nicht nach institutionellem Rang in der Europäischen Union (Antena 3, Euronews Spain). Diese Logik dürfte prägen, welche Länder künftig Einfluss auf NATO-Planung nehmen und welche Bedrohungswahrnehmung dominiert.
Der Gipfel in Ankara wird in zwei Wochen zeigen, ob E5-Abstimmung tatsächlich Bündniszusagen hervorbringt. Die schwierigere Frage reicht darüber hinaus: Können fünf Hauptstädte eine europäische Säule in der NATO aufbauen, bei der Europäer mehr militärische Last tragen, wenn sie sich nicht einmal darüber einigen können, wer deren Waffen entwickelt?
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- 6/25/2026, 3:12:58 AM
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