Deutschland finanziert Aufrüstung auf Pump

Berlin bends its own fiscal rules to accommodate the weight of record military debt.
Bildkomposition · tobriefDie Bundesregierung verschiebt die deutsche Finanzpolitik in eine neue Größenordnung. Das Kabinett von Friedrich Merz hat den Haushaltsentwurf für 2027 beschlossen: Vorgesehen sind rund 203,6 Mrd. EUR neue Schulden, davon 109,7 Mrd. EUR für militärische Zwecke (SPIEGEL, RTE). Damit würde Deutschland zum größten Einzelschuldner des Euroraums in diesem Jahr. Für Europa ist aber weniger die Summe allein entscheidend als der Mechanismus dahinter: Berlin hat seine eigenen Fiskalregeln so verändert, dass diese Kreditaufnahme möglich wird. Die meisten Partner können das eben nicht.
Wie Deutschland außerhalb der eigenen Regeln Schulden macht
Die Gesamtausgaben des Bundes sollen 555,4 Mrd. EUR erreichen. Im Kernhaushalt fehlen 118,7 Mrd. EUR, um die Lücke zwischen Steuereinnahmen und geplanten Ausgaben zu schließen. Daneben stehen zwei zusätzliche Kreditkanäle: rund 54,9 Mrd. EUR aus einem Infrastrukturfonds und 30 Mrd. EUR aus dem 2022 geschaffenen Verteidigungsfonds (DW).
Diese Sondervermögen sind der zentrale Hebel. Sie erlauben es der Regierung, im regulären Haushalt ein kleineres Defizit auszuweisen, während sie parallel erhebliche Mittel über Nebenhaushalte aufnimmt. Die Schuldenbremse, also die Verfassungsregel, die die strukturelle Neuverschuldung des Bundes begrenzt, wurde so geändert, dass Verteidigungsausgaben oberhalb von 1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausgenommen sind. Diese eine Änderung schafft Merz den Spielraum, die Verteidigungsausgaben bis 2029 auf 3,5 Prozent des BIP zu erhöhen (Bundesregierung).
Der Preis zeigt sich schnell im Schuldendienst. Nach Haushaltsprojektionen, auf die sich Upday beruft, dürften die Zinsausgaben des Bundes von 41,9 Mrd. EUR im Jahr 2027 auf rund 80,7 Mrd. EUR bis 2030 steigen. Der Stabilitätsrat, der die Haushaltsführung von Bund und Ländern überwacht, hat bereits gewarnt, dieser Kurs könne mit den europäischen Schuldenregeln kollidieren (Handelsblatt).
Schulden für Berlin, Sparen für Brüssel
Gleichzeitig dringt Berlin darauf, den nächsten EU-Haushalt um rund 400 Mrd. EUR zu kürzen. Das geht aus einem durchgesickerten Positionspapier hervor, über das Marketscreener berichtet hat. Aus diesem gemeinsamen Haushalt werden Kohäsionspolitik, Landwirtschaft und Klimaprogramme finanziert, also vor allem Transfers, von denen ärmere Mitgliedstaaten stark abhängen. Deutschland schafft sich zu Hause fiskalischen Raum für Verteidigung und verlangt zugleich von den Partnern, mit weniger Geld aus dem gemeinsamen Topf auszukommen.
Am deutlichsten wird die Schieflage gegenüber Frankreich. Paris hat bis 2030 Militärausgaben von 436 Mrd. EUR zugesagt, steht aber bereits bei einer Staatsschuldenquote von etwa 117,5 Prozent des BIP. Die Zinslast dürfte langfristig in Richtung 5 Prozent des BIP steigen (Le Figaro, Le Monde). Deutschland hat sich durch eine Verfassungsänderung neue Kreditspielräume eröffnet. Frankreich hat keinen vergleichbaren Ausweg und muss sich jedes Jahr unter deutlich engeren Markt- und Regelbedingungen refinanzieren.
Auch die Anleihemärkte zeigen, wie sich der Druck verteilt. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen lag am 6. Juli bei rund 2,94 Prozent, die vergleichbare italienische Rendite bei 3,71 Prozent. Der Renditeaufschlag, also die Differenz der Finanzierungskosten, betrug damit 77 Basispunkte (Borsa Corriere, Teleborsa). Auf den ersten Blick sieht die geringere Differenz für Rom günstig aus. Tatsächlich hat sich der Abstand vor allem verringert, weil die deutschen Finanzierungskosten gestiegen sind, nicht weil Italien deutlich billiger an Geld käme. BNP Paribas weist seit längerem darauf hin, dass strukturell höhere Zinsen die Schuldenlast in allen fortgeschrittenen Volkswirtschaften erhöhen (BNP Paribas).
Was das Geld tatsächlich kauft
NATO-Generalsekretär Mark Rutte hat Berlin aufgefordert, höhere Ausgaben in einsatzbereite Truppen und funktionierende Produktionslinien zu übersetzen, nicht nur in größere Haushaltstitel (NATO). Genau daran wird der Haushaltskurs zu messen sein. Deutschland hat die finanzielle Kraft, die europäische Wiederbewaffnung anzuschieben. Es muss den Verbündeten nun zeigen, dass Rekordschulden zu einsatzfähigen Brigaden, Luftverteidigungssystemen und Munitionsreserven führen, nicht bloß zu höheren Stückkosten und zusätzlichen Importen. Offen bleibt, ob Frankreich und kleinere Mitgliedstaaten ohne mehr gemeinsame EU-Finanzierung mithalten können.
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