Deutschland plant €110 billion Verteidigungsetat

The immense weight of European military ambition rests quietly within the halls of bureaucracy.
Bildkomposition · tobriefDie Erwartung, ein baldiger Waffenstillstand in der Ukraine könne den militärischen Bedarf Europas dämpfen, trägt nicht mehr. Putin lehne ernsthafte Verhandlungen ab, berichtet NV unter Berufung auf Reuters. Die Verbündeten planen deshalb inzwischen mit einem fortgesetzten Krieg. Das zeigt sich in ihren Haushalten. Entscheidend ist nun weniger, ob Europa mehr Geld ausgibt, sondern ob Ministerien und Rüstungsunternehmen daraus rechtzeitig einsatzfähige militärische Stärke machen.
Das Geld ist da
Deutschland steht im Zentrum dieser fiskalischen Verschiebung. Bundeskanzler Friedrich Merz hat für 2027 einen Verteidigungshaushalt von 109,7 Mrd. EUR vorgeschlagen, rund ein Fünftel der Bundesausgaben. Hinzu kommen 11,6 Mrd. EUR für die Ukraine (Bundesfinanzministerium). Berlin will das NATO-Ziel von 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung bis 2029 erreichen, also sechs Jahre früher als der Bündnishorizont 2035 vorsieht (Deutschlandfunk).
Polen ist auf diesem Weg schon weiter. Warschau gab 2025 fast 123,6 Mrd. Zloty für Verteidigung aus, davon 42,4 Mrd. Zloty für Modernisierung. Für 2026 und 2027 sind amerikanische Waffenkäufe von mehr als 45 Mrd. Zloty geplant (Defence24). Solche Zusagen binden Regierungen über Jahre an Fabrikaufträge, Lieferpläne und Wartungsverpflichtungen, die weit über einen hypothetischen Waffenstillstand hinausreichen.
Nicht alle Hauptstädte bewegen sich im gleichen Tempo. Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez lehnte den von NATO-Generalsekretär Mark Rutte vorgeschlagenen Rahmen von 5 Prozent des BIP ab, der sich aus mindestens 3,5 Prozent für militärische Kernfähigkeiten und 1,5 Prozent für Resilienz zusammensetzen soll (NATO, El Mundo). Spanien war der einzige Verbündete, der sich verweigerte. Sánchez argumentiert, Staaten sollten daran gemessen werden, was sie tatsächlich bereitstellen, nicht daran, was sie ausgeben. Der slowakische Ministerpräsident Robert Fico wiederum, der direkte Kanäle zu Putin und Selenskyj für sich reklamiert, ohne sichtbare Ergebnisse vorweisen zu können (Aktuality, Denník N), ist weniger als Vermittler relevant denn als politischer Deckmantel für Regierungen, die militärische Zusagen bremsen wollen und dabei von Frieden sprechen.
Wo das Geld steckenbleibt
Der Ausgabenschub legt ein Produktionsproblem offen, das Finanzministerien allein nicht lösen können. Deutschland stoppte das F126-Fregattenprogramm wegen Verzögerungen und Kostensteigerungen. Auch Eurodrone und das Kampfflugzeugprojekt FCAS liegen hinter dem Zeitplan (ZEIT). Polens Ministerpräsident Donald Tusk warnte, die kommenden Monate könnten „wirklich kritisch“ werden, nicht wegen einer vollständigen Invasion, sondern weil begrenzte russische Provokationen gegen Infrastruktur oder Grenzen testen könnten, ob die NATO geschlossen reagiert (TVN24, BBC).
Die europäischen Verbündeten und Kanada haben für 2026 und 2027 militärische Unterstützung für die Ukraine von rund 70 Mrd. EUR pro Jahr zugesagt (DW). EDIP, das Verteidigungsindustrieprogramm der EU für längerfristige Bestellungen von Raketen, Luftverteidigungssystemen und Drohnen, soll die Beschaffung von Notkäufen auf mehrjährige Verträge umstellen (DG DEFIS). SAFE, der gemeinsame EU-Fonds von 150 Mrd. EUR für Verteidigungsbeschaffung, soll diese Nachfrage in europäische Fabriken lenken.
Ob Europa dadurch militärisch wirklich einsatzbereiter wird, bleibt für die Öffentlichkeit kaum überprüfbar. Die NATO-Fähigkeitsziele, Lieferpläne für Abfangsysteme und Munitionsbestände sind geheim. Die Europäische Kommission erfasst vor allem Eingangsgrößen wie Haushaltszusagen und geplante Produktionslinien, nicht aber Ergebnisse wie einsatzbereite Verbände oder reale Verfügbarkeitsquoten. Nach Angaben von Open Gate Italia hat Italien seinen SAFE-Antrag von 14,9 Mrd. EUR auf 5 Mrd. EUR gekürzt. Das zeigt, dass selbst formal zustimmende Regierungen wohl noch absichern, wie schnell sie den Kurswechsel tatsächlich aufnehmen können.
Der Engpass liegt zwischen den Ministern, die Haushalte verkünden, und den Beschaffungsämtern, Werften und Raketenfabriken, die liefern müssen. Verteidigungsministerien schließen Verträge. Beschaffungsstellen verwalten Spezifikationen, Tests und Zulieferer. Rüstungsunternehmen legen Produktionsrhythmen fest. Wenn ein Glied dieser Kette stockt, wie der deutsche Fregattenstopp zeigt, bleibt Geld liegen, während Einheiten weiter ohne Ausrüstung auskommen müssen. Europas Minister können die Milliarden inzwischen zählen. Sie müssen noch beweisen, dass daraus Munition, Abfangsysteme und Verbände werden, mit denen Russland tatsächlich rechnen müsste.
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