Hormuz-Blockade trifft deutsche Stahlproduktion

The desert arrives on the factory floor months before the final bill.
Bildkomposition · tobriefDeutschlands Industrie spürt die Blockade der Straße von Hormus inzwischen dort, wo Energiepreise, Vorprodukte und Transportkosten zusammenlaufen. Die Stahlproduktion lag 2,8 Prozent unter dem Vorjahreswert (Tradingeconomics). Die Metall- und Elektroindustrie, also das Rückgrat des verarbeitenden Gewerbes, schrumpfte um 1,3 Prozent (Gesamtmetall). In der Logistik stieg die Insolvenzquote auf 11,1 je 10.000 Unternehmen, den höchsten Wert der Branche. Hundert Tage nach Beginn der Blockade erreicht der Schaden Europas industriellen Kern also deutlich früher, als er in den Verbraucherpreisen vollständig sichtbar wird.
Von der Meerenge in die Werkhalle
Durch die Straße von Hormus, die enge Wasserstraße zwischen Iran und Oman, fließen normalerweise rund 14,8 Mio. Barrel Öl am Tag, etwa 14 Prozent der weltweiten Nachfrage. Der Schiffsverkehr liegt mehr als 90 Prozent unter Normalniveau. Die größte Freigabe strategischer Ölreserven seit Bestehen, 400 Mio. Barrel seit dem 11. März, wird rasch aufgezehrt. Die Notreserven der OECD-Staaten sind auf einen Puffer von 60 bis 90 Tagen gefallen und nähern sich damit der gesetzlichen Sicherheitsuntergrenze der Internationalen Energieagentur.
Der Ölpreis der Sorte Brent, der wichtigste globale Referenzpreis, hat sich bei rund 93 bis 98 Dollar je Barrel eingependelt. Das sind etwa 35 Prozent mehr als vor der Krise, aber deutlich weniger als die 200 Dollar, die manche Analysten befürchtet hatten. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate können über Umgehungspipelines 3,7 bis 5,7 Mio. Barrel täglich an Hormus vorbeischleusen. Chinas Rohölimporte fielen auf den niedrigsten Stand seit 2020. Die weltweite Ölnachfrage lag im April 2,3 Mio. Barrel pro Tag unter dem Vorjahreswert. Der Nachfrageeinbruch war stark genug, um einen Teil des Angebotsausfalls abzufedern.
Wie tief die Risse reichen
Nach der Mai-Umfrage des ifo-Instituts meldeten 15,9 Prozent der deutschen Industrieunternehmen Materialengpässe, nach 13,8 Prozent im April. Besonders betroffen war die Chemieindustrie mit 31,2 Prozent. Der Druck endet aber nicht bei Rohstoffen. Der Schweizer Schmierstoffhersteller Motorex berichtet von 200 bis 300 Prozent höheren Eingangskosten; die Lagerbestände reichten nur noch drei bis fünf Monate.
Für Deutschland wurden die Wachstumsprognosen für 2026 inzwischen auf 0,3 bis 0,5 Prozent gesenkt. Die Eurozone insgesamt schrumpfte im ersten Quartal um 0,2 Prozent.
Die Rechnung kommt im Winter
Für Verbraucher dürfte der stärkste Effekt erst mit Verzögerung kommen. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass eine Verdoppelung der Frachtraten die Inflation um 0,7 Prozentpunkte erhöht, wobei der Höhepunkt etwa zwölf Monate später erreicht wird. Rabobank rechnet damit, dass Lebensmittel in den Niederlanden bis Weihnachten 7 Prozent teurer sein werden, weil höhere Dünger- und Transportkosten durch die Lieferketten wandern. Die Frachtraten auf den Asien-Europa-Routen stiegen allein in der ersten Juniwoche um 20 bis 25 Prozent.
Die EZB steht damit vor einem Zielkonflikt ohne gute Lösung. Die Inflation in der Eurozone erreichte im Mai 3,2 Prozent, getrieben von 9,9 Prozent höheren Energiepreisen. An den Märkten wird eine Zinserhöhung auf 2,25 Prozent am 11. Juni mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent eingepreist. Zugleich schrumpft die Wirtschaft bereits. Höhere Zinsen gegen eine Inflation, die aus einem Ölangebotsschock entsteht, treffen eben nicht die Ursache: Die Preise steigen nicht, weil zu viel Nachfrage im System ist, sondern weil Waren physisch schwerer ankommen. Das ist die klassische Stagflationsfalle, also stagnierende Wirtschaft bei steigenden Preisen, in der kein geldpolitischer Hebel beide Probleme zugleich löst.
Selbst wenn Hormus morgen wieder geöffnet würde, dürfte die Normalisierung nach Schätzung der Rabobank bis September dauern: Minenräumung, verlegte Tankerflotten und geleerte Lager lassen sich nicht über Nacht korrigieren. Der Schaden, der jetzt durch die Lieferketten läuft, wird erst in den kommenden Monaten auf Supermarktregalen und Energierechnungen ankommen. Die EZB-Entscheidung am Mittwoch wird zeigen, ob die Notenbank die heute messbare Inflation höher gewichtet als die Rezession, die sich bereits abzeichnet.
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- 6/8/2026, 2:55:30 AM
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