Hormuz-Schließung treibt Energieinflation auf 12.5%

The maritime chokepoint travels inland, turning distant naval tension into a European domestic standstill.
Bildkomposition · tobriefZwischen Iran und Oman verläuft nun Europas nächster Inflationstest. Teheran erklärt, die Straße von Hormus sei geschlossen; Washington bezweifelt, dass der Verkehr tatsächlich zum Erliegen gekommen ist. Für die Märkte reicht schon weniger als eine lückenlose Blockade: Gefahr, Verzögerungen und knappe Ersatzlieferungen genügen, um Preise in Bewegung zu setzen.
Der Hebel ist die Größe dieses Nadelöhrs. Rund 20 Mio. Barrel Öl und flüssige Erdölprodukte pro Tag passierten 2024 Hormus, etwa 20 Prozent des weltweiten Verbrauchs. Auch rund ein Fünftel des globalen LNG-Handels lief über dieselbe Route, wie die EIA ausweist. Der Großteil geht nach Asien, nicht nach Europa. Doch Europa kauft Energie auf Weltmärkten. Ein Engpass, der China, Indien, Japan und Südkorea trifft, kann deshalb auch Diesel, Gas, Düngemittel und industrielle Vorprodukte von Rotterdam bis Schlesien verteuern.
Der Schock läuft zuerst über die Preise
Europas Verwundbarkeit liegt weniger in direkten Öllieferungen aus dem Golf. Deutschland bezog 2025 nur 6,1 Prozent seiner Rohölimporte direkt aus dem Nahen Osten, während die gesamte Energieimportabhängigkeit bei 67 Prozent lag, wie Destatis festhält. Genau darin liegt die Spannung: Eine geringe direkte Abhängigkeit kann mit hoher Preisabhängigkeit einhergehen.
Der erste Übertragungskanal sind Erwartungen. Terminpreise steigen, wenn Händler mit knapperem Angebot, höheren Frachtraten oder Kriegsrisikoprämien rechnen. BNP Paribas warnt, dass nur ein Teil der üblichen Hormus-Mengen über Pipelines umgeleitet werden könne. Der Ölmarkt preise deshalb knappe kurzfristige Verfügbarkeit rasch in der Brent-Terminkurve ein BNP Paribas.
Der zweite Kanal ist die Weitergabe von Großhandelspreisen an Haushalte und Unternehmen. In ihren Juni-Projektionen schreibt die EZB, höhere Preise für Rohöl und Raffinerieprodukte schlügen vollständig und schnell auf Flüssigkraftstoffe durch. Gas und Strom reagierten langsamer und je nach Land unterschiedlich, weil Verträge, Absicherungsgeschäfte, Netzentgelte, Tarife und Steuern abweichen EZB-Projektionen. Aus demselben externen Schock wird so in einem Land ein Spritpreisproblem, in einem anderen ein Strompreisschub und andernorts ein Druck auf Industriemargen.
Wer zahlt, und wo
Zuerst trifft es jene, die weder warten noch leicht ausweichen können: Pendler, Spediteure, Fluggesellschaften, Chemiewerke, Düngemittelhersteller und Lebensmittelverarbeiter. Nach Eurostat verbrauchte die Industrie in der EU 2024 insgesamt 8.835 Petajoule Energie. Strom hatte daran 33,3 Prozent Anteil, Erdgas 31,9 Prozent, Mineralölprodukte immer noch 10,4 Prozent Eurostat. Es geht also nicht nur um die Tankstelle.
Haushalte spüren den Schock über Heizung, Strom und Verkehr. Sie verbrauchten 2024 in der EU 9,54 Mio. Terajoule Energie; Erdgas kam auf 29,4 Prozent, Strom auf 26,9 Prozent, Raumwärme allein auf 61,5 Prozent des Haushaltsverbrauchs Eurostat. Haushalte mit Gasheizung und Autofahrer verlieren früher als Stadtbewohner mit Fernwärme und gutem öffentlichem Nahverkehr.
Deutschland wirkt besonders anfällig, weil Industrie, importierte Energie und niedrige Sommerfüllstände zusammentreffen. Der NDR berichtete für den 9. Juni von Gasspeichern nahe 35 Prozent, rund 25 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt der Jahre 2017 bis 2021. Der BDEW nannte für denselben Tag einen deutschen Speicherstand von 35,3 Prozent und für den 10. Juni einen THE-Spotpreis von 50,3 EUR/MWh NDR, BDEW. Die Niederlande stehen anders da: Sie sind nicht nur Betroffene, sondern Übertragungszentrum, weil niederländische TTF-Futures über ICE Endex die europäische Gaspreisbildung prägen ICE.
Spanien hat Puffer, aber keine Immunität. Regasifizierungskapazitäten und erneuerbare Energien helfen, doch La Vanguardia beziffert die nationale Energieabhängigkeit auf 68,4 Prozent des Endverbrauchs; der PNIEC-Zielwert liegt bei 50 Prozent bis 2030 La Vanguardia. Italien und Polen liegen näher an den verzögerten Kanälen: Raffinerieprodukte, Düngemittel, Transportkosten und Lebensmittelpreise.
Die Gewinnerseite ist schmaler. LNG-Exporteure außerhalb des Golfs, Raffinerien mit Beständen, Speicherbetreiber und Händler, die Ladungen umlenken können, profitieren von Knappheit. Regierungen haben dagegen keine einfache Option. Kraftstoffsubventionen verlagern die Rechnung von der Zapfsäule in den Haushalt. Vollständige Preisweitergabe schützt die öffentlichen Finanzen, trifft aber Wähler und Unternehmen. Geldpolitische Straffung kann Inflationserwartungen dämpfen, doch sie öffnet keine Seewege.
Deshalb wiegt die jüngste EZB-Prognose schwer. Sie erwartet, dass die Gesamtinflation im Euroraum im dritten und vierten Quartal 2026 bei 3,4 Prozent ihren Höhepunkt erreicht und die Energieinflation auf 12,5 Prozent steigt. Zugleich verbindet die EZB den Schock mit einer Zinserhöhung um 25 Basispunkte und der Mahnung, fiskalische Hilfen müssten befristet, zielgenau und passgenau sein EZB-Projektionen, EZB-Erklärung. Europa steckt damit wieder in der alten Energiefalle: Einkommen schützen, Haushalte schonen, Preisstabilität sichern. Alle drei Ziele zugleich lassen sich nicht vollständig erreichen.
Die offene Akte
Der schwierigste Punkt bleibt der tatsächliche Zustand der Straße von Hormus. Französische Berichte sprechen von einem Rückgang von etwa 160 Schiffen pro Tag auf 11, doch ohne unabhängige Bestätigung durch Schiffstracking bleibt diese Zahl schwach belegt Le Grand Continent. Auch Experteneinschätzungen lassen Raum für weiteren Verkehr; das spricht eher für eine schwere Quasi-Blockade als für eine verifizierte Null-Durchfahrt Les Clés du Moyen-Orient.
Die nächsten Prüfsteine sind deshalb praktisch: tatsächliche Tankerbewegungen, Kriegsrisikoversicherungen, katarische LNG-Ladungen, europäische Speicherfüllstände, Dieselpreise und Düngemittelkosten. Europa muss nicht ohne Energie dastehen, damit Hormus weh tut. Es reicht, wenn es fossile Brennstoffe weiter in einem Markt kaufen muss, in dem Gefahr nun Teil des Preises ist.
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- 6/12/2026, 3:01:11 AM
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