Ungarn kappt Solargutschrift für Haushalte

A household solar investment is left to dry as Hungary’s energy rules shift.
Bildkomposition · tobriefHunderttausende ungarische Familien haben Solaranlagen auf ihre Dächer gesetzt, weil die damaligen Regeln eine einfache Rechnung versprachen: Überschüssiger Strom aus dem Sommer oder vom Mittag wurde über das Jahr mit dem eigenen Verbrauch verrechnet. Dann änderte die Regierung die Abrechnung. Haushalte verkaufen eingespeisten Solarstrom nun für etwa 5 Forint je Kilowattstunde, kaufen Strom aber für 36 Forint innerhalb des Preisdeckels zurück, oberhalb der Deckelgrenze sogar für bis zu 70 Forint (HVG, 24.hu). Aus einer kalkulierbaren Haushaltsinvestition wurde damit für viele Eigentümer ein Verlustgeschäft.
Ungarns Verfassungsgericht hat Beschwerden gegen die Regeländerung zurückgewiesen (HVG). Juristisch ist die Frage damit zunächst entschieden. Politisch bleibt sie offen: Wenn Haushalte nach einer Investition dieser Größenordnung nicht mehr auf stabile Energievorschriften vertrauen können, wird jede künftige Förderlogik fragil. Gerade jetzt will Budapest Hunderte Millionen Euro aus EU-Mitteln in dasselbe Energiesystem lenken.
Das alte Versprechen und sein Bruch
Im alten System der Nettosaldierung konnte ein Haushalt mittags Strom ins Netz einspeisen und abends wieder beziehen. Abgerechnet wurde über das Jahr nur die Differenz zwischen Einspeisung und Verbrauch. Das Netz funktionierte damit wie ein kostenloser Speicher, obwohl technisch natürlich kein individueller Strom „zurückgeholt“ wurde.
Die neue Bruttoabrechnung trennt beide Stromflüsse: Einspeisung wird niedrig vergütet, Bezug deutlich höher berechnet. Für mehr als 320.000 private Solaranlagen läuft diese Umstellung nun an, sobald frühere Bestandsschutzregeln auslaufen (Portfolio). Einige Betreiber erhielten Bußgelder wegen angeblicher Einspeisungen in Gebieten, in denen diese beschränkt war, obwohl geänderte Zählerlogik die Messwerte beeinflusst haben könnte. Die Regeln verschoben sich; die Sanktionen trafen die Haushalte.
Billiger Haushaltsstrom verteuert die Rechnung für Firmen
Der Solarkonflikt zeigt ein tieferes Problem des ungarischen Strommarkts. Eine Recherche von Telex/G7 beschreibt undurchsichtige Tarifberechnungen, fehlende öffentliche Daten darüber, wo das Netz neue Erzeugung aufnehmen kann, und staatsnahe Energiegruppen, die Produktion, Netze und Vertrieb zugleich prägen und damit Regeln setzen, die Außenstehende kaum überprüfen können (Telex/G7).
Ungarische Haushalte zahlen etwa 9,8 Eurocent je Kilowattstunde, ungefähr ein Drittel des EU-Durchschnitts, weil die Regierung seit 2013 Preisdeckel aufrechterhält (KSH). Die Differenz verschwindet aber nicht. Industriekunden und kleinere Unternehmen tragen Quersubventionen, die ihre Stromkosten deutlich über das Niveau europäischer Wettbewerber treiben (Telex/G7). Weil Staat oder regulierte Tarife diese Kosten am Ende auffangen, fehlt zugleich der Druck, der in einem normalen Markt Effizienz erzwingen würde.
700 Mio. EUR durch ein enges Tor
Für Netzausbau und intelligente Stromzähler sind nun EU-gestützte Ausschreibungen über rund 540 Mrd. Forint geöffnet (Portfolio). Das Geld stammt aus Ungarns überarbeitetem Plan im Rahmen der Aufbau- und Resilienzfazilität, also jenem EU-Topf, aus dem Mitgliedstaaten nach der Pandemie Geld gegen zugesagte Reformen erhalten. Das Energiekapitel hat ein Volumen von mehr als 700 Mio. EUR, davon sind etwa 643 Mio. EUR für Stromnetze vorgesehen (Telex).
Ausgezahlt wird allerdings erst, wenn Budapest 27 sogenannte Supermeilensteine erfüllt, unter anderem zu richterlicher Unabhängigkeit, Korruptionsbekämpfung und Schutz des EU-Haushalts (Europäische Kommission). Ungarn hat bislang keinen Zahlungsantrag gestellt. Der Staat braucht Investitionen und EU-Geld, doch die Rechtsstaatsauflagen verzögern die Erstattung. Damit entsteht der politische Anreiz, Projekte schnell anzuschieben und Governance-Fragen später zu klären.
Bewerben können sich der Übertragungsnetzbetreiber MAVIR und sechs Verteilnetzbetreiber, darunter Netzgesellschaften von E.ON und MVM. Haushalte, unabhängige Entwickler und neue Marktteilnehmer bleiben außen vor. Wenn Tarifformeln und Netzanschlüsse weiter intransparent bleiben, erhöht öffentliches Geld vor allem die regulierte Vermögensbasis der Netzbetreiber, ohne den Zugang zum System fairer zu machen.
Der Investitionsbedarf ist real, das Zugangsproblem auch
Das ungarische Netz kann tatsächlich nicht alles aufnehmen, was bereits gebaut wurde. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung stellt 70 Mio. EUR innerhalb eines 210 Mio. EUR schweren Pakets für ein Solar- und Speicherprojekt mit 450 Megawatt bereit und nennt es eines der ersten projektfinanzierten hybriden Erneuerbaren-Vorhaben in Mittel- und Osteuropa (EBRD). Rumänien zeigte vergangene Woche, was regional auf dem Spiel steht: Solarstrom deckte tagsüber etwa 40 Prozent der Erzeugung, fiel am Abend aber weg; die Spotpreise stiegen auf mehr als 1.000 EUR je Megawattstunde (Digi24). Ohne Speicher und Netzkapazität flutet Solarstrom mittags das System und lässt Käufer nach Einbruch der Dunkelheit teuer zurück.
Die Niederlande bieten einen sinnvollen Vergleich. Auch dort läuft die Solarsaldierung aus, zum 1. Januar 2027; die jährlichen Haushaltskosten dürften dadurch von etwa 770 EUR auf 1.030 EUR steigen (Essent, Zonneplan). Der Unterschied liegt im Verfahren: In den Niederlanden gibt es veröffentlichte Netzdaten, transparente Warteschlangen und regulierte Anschlussfristen. Für Ungarn fand Telex/G7 keine vergleichbaren öffentlichen Daten (Telex/G7).
Ungarns Stromnetz braucht Investitionen. Die bisherigen Hinweise sprechen aber dafür, dass das Land nicht nur ein Kapazitätsproblem hat, sondern auch ein Zugangsproblem. EU-Zahlungsbedingungen und Ausschreibungsdesign könnten mehr Transparenz erzwingen. In der derzeitigen Struktur ist das jedoch nicht garantiert.
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