Italien kippt Atomkraftverbot nach 40 Jahren

A modular nuclear promise sits on a pallet, awaiting an infrastructure yet to be built.
Bildkomposition · tobriefItalien versucht, ein energiepolitisches Vakuum zu schließen, das seit den Volksabstimmungen von 1987 und 2011 besteht. Die Abgeordnetenkammer stimmte am 4. Juni mit 155 zu 86 Stimmen dafür, das faktische Atomverbot nach vier Jahrzehnten aufzuheben. Die Regierung Meloni will kleine modulare Reaktoren, also kompakte Atomkraftwerke für eine industrielle Serienfertigung, bis 2034 ans Netz bringen.
Der politische Beschluss trifft auf ein technisches Problem: Im Westen liefert bisher kein solcher Reaktor kommerziell Strom. Gleichzeitig nutzt Frankreich seinen bestehenden Atompark schon heute, um energieintensive Investitionen anzuziehen, die Italien selbst dringend bräuchte.
Zwölf Monate bis zu den eigentlichen Entscheidungen
Beschlossen wurde zunächst eine legge delega, ein Rahmengesetz, das die Regierung ermächtigt, binnen zwölf Monaten konkrete Durchführungsregeln auszuarbeiten (Camera dei Deputati). Eine Reaktortechnik ist noch nicht ausgewählt, Standorte gibt es ebenfalls nicht. Italien löste seine Atomaufsicht in den neunziger Jahren auf und hat bisher keine neue Behörde aufgebaut. Zudem muss der Senat dem Gesetz noch vor der Sommerpause zustimmen.
Der Kostendruck ist real. Italienische Unternehmen zahlen für Strom mehr als 105 EUR/MWh, in Frankreich sind es dank der 56 laufenden Reaktoren ungefähr 60 EUR/MWh (Élysée, Editoriale Domani). Die eigene Regierung räumt ein, Italien sei bei den Energiepreisen „völlig aus dem Markt gefallen“. Dieser Abstand schlägt sich in Fabrikkosten, Haushaltsrechnungen und der Standortwahl von Rechenzentren nieder, die große Mengen billigen und stabilen Strom benötigen.
Kleine modulare Reaktoren sollen diese Lücke schließen. Doch der bisher fortgeschrittenste westliche Ansatz, das NuScale-Projekt in den Vereinigten Staaten, wurde 2023 eingestellt, nachdem sich die Kosten nahezu verdoppelt hatten. Große Reaktorprojekte in Frankreich und Großbritannien lagen regelmäßig Milliarden über Budget und rund ein Jahrzehnt hinter dem Zeitplan. Atomkraft in dicht regulierten Industriestaaten ist eben nicht nur eine Frage der Technik, sondern auch von Genehmigungen, Lieferketten, Finanzierung und Baukapazität. Gegen diese Erfahrung setzt Italien nun seine Strategie.
Frankreich macht Reaktoren zu KI-Standortpolitik
Die Standortverschiebung läuft nicht erst 2034, sondern jetzt. Beim Gipfel Choose France 2026 sagte SoftBank 45 Mrd. EUR für KI-Rechenzentren in Nordfrankreich zu. Der entscheidende Standortvorteil ist Strom, der billig, planbar und rund um die Uhr verfügbar ist.
Mit der Infrastruktur wandert auch das Fachwissen. Newcleo, ein Atomenergie-Start-up des italienischen Physikers Stefano Buono, zog von Italien nach Frankreich und erhielt dort Unterstützung über France 2030, das industrielle Investitionsprogramm des Landes. Italien exportiert damit einen Teil seiner eigenen Nuklearkompetenz an den Wettbewerber, der über die passenden Kraftwerke bereits verfügt.
Der World Nuclear Report urteilt entsprechend nüchtern: Italiens Atompläne seien für die europäischen Stromflüsse bis mindestens Mitte der 2040er Jahre „irrelevant“.
Die finanzielle Wette
Italiens Energieproblem ist nicht konstruiert. Die Industrie zahlt fast doppelt so viel für Strom wie französische Wettbewerber, und eine geringere Abhängigkeit von importiertem Gas ist wirtschaftlich sinnvoll.
Offen ist, ob kleine modulare Reaktoren dafür das richtige Instrument sind. Neue Atomkraft kostet pro Megawattstunde gewöhnlich ein Vielfaches neuer Solar- oder Windanlagen. Für ein Land mit einer der höchsten Staatsschuldenquoten Europas bedeutet die staatliche Absicherung einer unerprobten Technologie im großen Maßstab eine zusätzliche Finanzwette.
Das Votum vom 4. Juni begräbt die Referenden von 1987 und 2011. Politisch ist das ein Einschnitt. Ökonomisch ändert sich mindestens ein Jahrzehnt lang wenig. Die Investitionen, die Italien braucht, in KI-Infrastruktur, moderne Industrie und Elektrifizierung, werden heute dort getätigt, wo der Strom schon vorhanden ist. Italien hat beschlossen, wieder Atomkraft zu wollen. Der Bau verlangt 15 Jahre Ingenieurarbeit, Regulierung und Kapital, die kein Parlamentsbeschluss verkürzen kann.
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- 6/5/2026, 3:13:41 AM
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