Meridiam-Anteil vor dem Tarif-Test

Cyprus begins counting the cost before the current can cross.
Bildkomposition · tobriefDer Great Sea Interconnector soll Kreta und Zypern mit einem Untersee-Stromkabel verbinden und damit die letzte elektrisch isolierte EU-Insel an das kontinentale Netz heranführen. Seit dem am 5. August unterzeichneten Einstieg kontrolliert der französische Infrastrukturinvestor Meridiam die Projektgesellschaft: 66 Prozent liegen nun bei Meridiam, 34 Prozent verbleiben bei ADMIE, dem griechischen Übertragungsnetzbetreiber, der weiter die technische Führung behält (Enerdata, energynews.pro). Nach dem öffentlich bekannten Stand macht Meridiams Einstieg das Vorhaben für Kreditgeber attraktiver. Ein Nachweis, dass Finanzierung und Bau nun tatsächlich gesichert sind, ist er aber nicht.
Was sich geändert hat — und was nicht
Die Projektgesellschaft ist ein Zweckvehikel, also eine rechtlich abgegrenzte Gesellschaft, in der Rechte, Verträge und künftige Erlöse des Kabels gebündelt werden. Dass Meridiam die Mehrheit übernimmt, bedeutet: Hinter dem Vorhaben steht nun ein privater Investor, dessen Geschäftsmodell gerade darin besteht, regulierte Infrastruktur über Jahrzehnte zu halten. Für Banken ist das ein vertrautes Profil, weil solche Anlagen bei stabiler Regulierung planbare Einnahmen liefern.
Meridiam hat allerdings keine fertig genehmigte Trasse gekauft, keine verbindlich zugesagten Bankkredite, keine endgültige Erlaubnis zur Kostenumlage über Stromrechnungen und auch keinen öffentlich sichtbaren Produktionsslot beim Kabelhersteller. Nexans hat seine Tiefsee-Technologie Ende August für Tiefen von 3.000 Metern qualifiziert, womit das Kabel technisch machbar erscheint. In seiner Januar-Erklärung sprach Nexans jedoch von einer „schedule rearrangement“, also einer Neuordnung des Zeitplans; in den Halbjahreszahlen 2026 teilte der Konzern den Investoren nicht mit, dass die Umsetzung des GSI begonnen habe.
Die Erlösfrage, die Banken beantwortet haben wollen
Die griechische Energieregulierungsbehörde RAAEY konsultierte noch bis zum 11. September über die zentrale Kennziffer des Projekts: wie viel die Projektgesellschaft über die Jahre von Stromkunden zurückerhalten darf. An diesem Versprechen bepreisen Banken ihre Kredite. Solange die Regulierer die Formel nicht festlegen, kann keine Bank belastbar zusagen.
Ein Baustein ist der WACC, der gewichtete Kapitalkostensatz. Er legt fest, welche Rendite Regulierer Investoren und Kreditgebern über Netzentgelte zugestehen. ADMIE schlug vor, den unterstellten Fremdkapitalanteil während der Bauphase auf 50 bis 60 Prozent zu senken, nachdem zuvor 60 bis 80 Prozent im Raum standen (OT, Sigmalive). Ein niedrigerer angenommener Schuldenanteil führt in der Regel zu einer höheren erlaubten Rendite. Für Eigenkapitalgeber wie Meridiam wird das Projekt dadurch interessanter; für Nutzer steigen wohl die späteren Umlagen.
Zypern entscheidet, ob Verbraucher zahlen, bevor das Kabel existiert
Der engste Flaschenhals liegt in Zypern. Energieminister Michalis Damianos begrüßte Meridiams Einstieg, sagte aber, endgültige Entscheidungen hingen von der Due-Diligence-Prüfung der Europäischen Investitionsbank ab. Diese Prüfung ist bislang ein Studienersuchen, kein bewilligter Kredit. Eine veröffentlichte Kabinetts- oder Regulierungsentscheidung darüber, wer welchen Kostenanteil trägt, gibt es nicht.
Zyprische Medien berichten, die Regierung werde während der Bauphase 125 Mio. EUR zahlen, ausgelöst durch die Veröffentlichung einer NAVTEX, also einer maritimen Mitteilung, die Vermessungsarbeiten auf See autorisiert; zwei Raten würden bereits als ausstehend behandelt. Diese NAVTEX ist bisher nicht veröffentlicht. Berichte nennen eine mögliche Veröffentlichung im Oktober, während noch Vermessungen in Gewässern ausstehen, gegen die die Türkei Einwände signalisiert hat. Der griechische Außenminister George Gerapetritis sagte, Griechenland werde die Türkei nicht um Erlaubnis bitten. Das klärt Athens politische Linie, löst aber nicht das operative Risiko bei Arbeiten auf umstrittenem Meeresboden.
Wer gewinnt, wer die Kosten trägt
Regulierte Anlagen sind attraktiv, weil genehmigte Kosten über Jahre von künftigen Nutzern getragen werden, nicht allein von Aktionären. Meridiam erhält die Kontrolle über genau einen solchen Vermögenswert, abgesichert durch EU-Zuschüsse von rund 657 Mio. EUR (CINEA, Euronews). ADMIE reduziert seine Finanzierungsbelastung, behält aber technische Gebühren und die Betreiberrolle. Funktioniert das Kabel, könnte Zypern seine elektrische Isolation vom europäischen Verbundnetz beenden und Zugang zu günstigeren Importen sowie höherer Versorgungssicherheit erhalten.
Das Hauptrisiko liegt bei zyprischen Verbrauchern und Steuerzahlern. Kostenwälzung bedeutet, dass Regulierer der Projektgesellschaft erlauben, genehmigte Ausgaben über Stromgebühren zurückzuverdienen, bevor das Kabel auch nur eine Kilowattstunde liefert. Für Infrastrukturfinanzierungen ist das üblich. Bei einem Projekt durch umstrittene Gewässer, dessen Kosten auf mehr als 1,9 Mrd. EUR geschätzt werden (Euronews), bleiben die vollständigen Vertragsregeln für Kostenüberschreitungen, Sicherheitsverzögerungen und Refinanzierung entscheidend. Sie sind bislang nicht veröffentlicht.
Der Eigentümerwechsel ist damit real, aber eben nur der erste Test. Nach dem Ende der RAAEY-Konsultation am 11. September werden die zyprischen Tarifentscheidungen und die Haltung der Europäischen Investitionsbank zeigen, ob Meridiams Kapital genug institutionelle Zusagen mobilisiert, um aus einem Gesellschafterbeschluss ein Kabel im Mittelmeer zu machen.
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