Merz jagt Bakus Gasversprechen

A monumental commitment to energy diversification stands unmeasured in the center of Europe’s political stage.
Bildkomposition · tobriefDeutschland sucht seit dem russischen Angriff auf die Ukraine nach Gasquellen, die politisch verlässlicher erscheinen als Moskau und technisch schnell genug verfügbar sind. In diese Lage gehört der Besuch des aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev bei Bundeskanzler Friedrich Merz in Berlin, bei dem es um engere Energie- und Handelsbeziehungen ging (Euronews). Hinter der diplomatischen Routine steht eine unbequemere Frage: Wie weit kann Europa seine Abkehr von russischem Gas auf einen Lieferanten stützen, dessen Innenpolitik Berlins demokratische Rhetorik doch erheblich belastet?
Eine Zusage, kein Vertrag
Aserbaidschan ist für Europa kein neuer Gaspartner. Italien, Griechenland und Bulgarien beziehen seit Jahren Gas über den südlichen Gaskorridor. Grundlage der aktuellen Ausbaupläne ist die Absichtserklärung zwischen der EU und Aserbaidschan vom Juli 2022, in der die Europäische Kommission, also die Exekutive der EU, Unterstützung für eine Ausweitung der aserbaidschanischen Gaslieferungen auf mindestens 20 Milliarden Kubikmeter pro Jahr bis 2027 zusagte (European Commission). Rechtlich ist dieses Papier kein EU-Gesetz und schon gar kein Kaufvertrag. Verbindlich werden Liefermengen erst in gesonderten kommerziellen Verträgen zwischen Unternehmen.
Die Infrastruktur gibt es bereits. Aserbaidschanisches Gas fließt über drei miteinander verbundene Pipelines durch den Kaukasus und die Türkei, bevor es über die Transadriatische Pipeline (TAP), die Griechenland und Albanien durchquert und in Süditalien anlandet, in die EU gelangt (TAP, IEA). Im Jahr 2025 lieferte Aserbaidschan rund 12,5 Milliarden Kubikmeter an EU-Staaten, etwa 8,1 Prozent der Pipelinegasimporte der Union (kmetro0.eu, Balcani Caucaso). Das sind reale Mengen, aber eben kein Ersatz für Russland.
Damit das Ziel von 20 Milliarden Kubikmetern erreichbar wird, braucht es Investitionen in neue aserbaidschanische Gasfelder, eine physische Erweiterung der TAP über ihre derzeitige Auslegungskapazität von 10 Milliarden Kubikmetern hinaus und Abnehmer, die langfristige Verträge unterschreiben. Baku verlangt solche Zusagen, bevor es Kapital bindet (Serbia Energy).
Deutschlands Einstieg und die fehlende Nordroute
Deutschlands Anteil läuft über ein konkretes Geschäft: Der staatlich gestützte Händler SEFE hat mit dem aserbaidschanischen Staatskonzern SOCAR einen Zehnjahresvertrag über 1,5 Milliarden Kubikmeter pro Jahr ab 2025 geschlossen (Azernews). Berlin verschafft sich damit einen kommerziellen Zugang zu einem Korridor, der bisher vor allem Südosteuropa versorgt hat.
Damit Gas aus dem Süden tatsächlich nach Deutschland gelangt, braucht es den sogenannten Vertikalen Korridor: eine Kette von Leitungen, die die nationalen Gasnetze Griechenlands, Bulgariens und Rumäniens verbinden und Gas nach Norden transportieren sollen. Bulgarische Ausbauten sind für Ende 2026 vorgesehen. Offen bleibt jedoch, wer die Kosten trägt, wer Pipelinekapazitäten bucht und wie die Mengen bei Nachfragespitzen verteilt werden. Diese Fragen sind nicht technisch, sondern politisch und kommerziell entscheidend.
Ungarn zeigt, wie schmal der Unterschied zwischen Diversifizierung und Symbolpolitik sein kann. Budapest hat einen Vertrag über 800 Millionen Kubikmeter in zwei Jahren geschlossen, was ungefähr 3 Prozent der jährlichen ungarischen Importe entspricht (Makronom). Die Regierung stellt das als souveräne Energiestrategie dar. In den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 gab Ungarn jedoch mehr Geld für russisches Pipelinegas aus als jeder andere EU-Mitgliedstaat (Telex). Ein kleiner aserbaidschanischer Vertrag kann eine Diversifizierungserzählung stützen, ohne die eigentliche Abhängigkeit wesentlich zu verändern.
Keine Menschenrechtsklausel, keine Transparenz
Die Gasabsichtserklärung der EU mit Baku enthält keine durchsetzbaren Menschenrechtsbedingungen, die an Lieferungen gekoppelt wären (European Commission). Human Rights Watch beschreibt Aserbaidschan als repressiven Staat (HRW). Nach der aserbaidschanischen Offensive in Bergkarabach 2023 forderte das Europäische Parlament, also die direkt gewählte Volksvertretung der EU, Sanktionen gegen Baku und drängte die EU, ihre Gasabhängigkeit von Aserbaidschan zu beenden (Euronews). Die Energiepolitik der Kommission bewegte sich in die andere Richtung.
Ein weiterer Punkt belastet den Korridor. Global Witness warnte, Aserbaidschan könne seine Exporte in die EU teilweise dadurch ausweiten, dass es selbst russisches Gas für den heimischen Verbrauch importiere und eigene Produktion für Europa freimache (Global Witness). Das beweist keine Umdeklarierung russischer Moleküle. Es schwächt aber den Anspruch, Europa vollziehe hier einen sauberen Bruch mit russischer Versorgung.
Europa hat Aserbaidschan nützlich gemacht, bevor es die Beziehung rechenschaftspflichtig gemacht hat. Die Take-or-pay-Klauseln, die Käufer zur Zahlung verpflichten, auch wenn sie das Gas nicht abnehmen, ebenso Preisformeln und Ausstiegskonditionen bleiben unveröffentlicht. Solange Regierungen diese Bedingungen nicht offenlegen, sollen Wähler darauf vertrauen, dass aus der Diversifizierung nach Russland nicht die nächste Abhängigkeit entsteht, nur mit besserem Etikett.
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- 7/22/2026, 2:40:33 AM
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