Merz stoppt Europas €100 billion-Kampfjet

Europe’s strategic autonomy ends where the boardroom floor meets the empty clouds.
Bildkomposition · tobriefEuropas Anspruch, bei Schlüsselwaffen unabhängiger von den Vereinigten Staaten zu werden, hat in dieser Woche einen schweren Rückschlag erlitten. Bundeskanzler Friedrich Merz beendete das deutsch-französisch-spanische FCAS-Programm nach neun Jahren, rund 4 Mrd. EUR Ausgaben und keinem fliegenden Prototyp. Das ambitionierteste europäische Rüstungsprojekt scheiterte vor allem daran, dass Dassault Aviation und Airbus sich nicht auf die industrielle Führung einigen konnten (aviospace.org, Euronews).
FCAS, das Future Combat Air System, war 2017 gestartet worden. Geplant waren ein Kampfflugzeug der sechsten Generation, bewaffnete Drohnen und eine „Combat Cloud“, also eine digitale Vernetzung von Jets, Drohnen und Sensoren für den Gefechtsraum. Die Lebenszykluskosten wurden auf 100 Mrd. EUR geschätzt. Politisch sollte das Projekt zeigen, dass Europas zwei größte Volkswirtschaften eigene Hochtechnologie-Waffen entwickeln können. Praktisch stritten die Partner fast ein Jahrzehnt über Patente, Datenzugang und spätere Erlöse.
Wie industrielle Eitelkeiten eine strategische Idee versenkten
Dassault-Chef Éric Trappier verlangte nach Medienberichten rund 80 Prozent Kontrolle über den Kampfjet-Anteil und wollte sensible Daten nicht mit Airbus teilen, obwohl die ursprüngliche Architektur Frankreich, Deutschland und Spanien jeweils 33 Prozent zusprach (Euronews, EFE). Der Sicherheitsexperte Frank Sauer formulierte es gegenüber n-tv schärfer: „Letztlich hat Éric Trappier das Kampfflugzeugprojekt torpediert“ (n-tv.de).
Hinter dem Unternehmenskonflikt lag ein strategischer Gegensatz, der kaum aufzulösen war. Frankreich wollte ein Flugzeug, das nuklearfähig und für den Einsatz auf Flugzeugträgern geeignet ist. Deutschland hatte diesen Bedarf nicht. Damit trafen unterschiedliche Militärdoktrinen aufeinander, nicht bloß verschiedene Beschaffungswünsche.
Merz hatte die Logik des Projekts bereits im Februar infrage gestellt und argumentiert, Drohnen seien militärisch wohl wichtiger als bemannte Kampfflugzeuge. Ein letzter Gesprächsversuch mit Trappier Anfang Juni verlief nach Darstellung von Le Grand Continent schlecht (Le Grand Continent).
Drei Wege, wo einer reichen sollte
Europa steht nun vor genau jener Fragmentierung, die gemeinsame Rüstungsinstrumente eigentlich verhindern sollen.
Frankreich wird die Rafale F5 weiterentwickeln und unter alleiniger Führung von Dassault eine Kampfdrohne bauen (Dassault Aviation). Airbus in Deutschland stellte wenige Stunden später „Team Gen 6“ vor: acht Unternehmen, die unter deutscher industrieller Führung ein neues Kampfflugzeug vorschlagen, wahrscheinlich gemeinsam mit dem schwedischen Hersteller Saab (Spiegel, Zeit).
Deutschlands naheliegendste Ausweichoption, ein Einstieg in GCAP, das britisch-italienisch-japanische Programm für einen Kampfjet der sechsten Generation, ist selbst unsicher. Der Überbrückungsvertrag über 686 Mio. Pfund läuft am 30. Juni aus, und London hat den Verteidigungsausgabenplan, der die langfristige Finanzierung freigeben soll, noch nicht veröffentlicht. BAE Systems warnte, mehr als 4.000 Ingenieure müssten ohne Anschlussvertrag auf andere Projekte verteilt werden (National Security Journal). Deutschlands wichtigste Alternative zum eigenen Kampfjet könnte also schon im Sommer ins Wanken geraten.
Wer zahlt, wer achselzuckt
Die Europäische Kommission spielte den Schaden herunter. Sprecher Thomas Reignier sagte, die europäische Aufrüstungsagenda bleibe „sehr lebendig“, und verwies auf SAFE, die geplante EU-Kreditfazilität über 150 Mrd. EUR für Verteidigungsprojekte (El Español). Die Brüsseler Annahme lautet, dass günstige Kredite Unternehmen in grenzüberschreitende Partnerschaften drängen können, die sie freiwillig nicht eingehen würden. FCAS zeigt die Grenze dieses Ansatzes: Geld beseitigte das Misstrauen zwischen Dassault und Airbus nicht, und SAFE enthält bislang keinen Mechanismus, der eine Wiederholung verhindert.
Belgiens Ministerpräsident Bart De Wever nannte das Scheitern „komplette Dummheit“, getrieben von deutsch-französischer „Arroganz“ (n-tv.de). In Polen dürfte die Nachricht eher als Bestätigung gelesen werden: Die ersten F-35 landeten im Mai auf dem Luftwaffenstützpunkt Łask, ein sichtbarer Beleg für die polnische Linie, amerikanische Systeme zu kaufen, statt auf europäische Großprojekte zu warten (rp.pl).
Spanien trifft der Rückschlag asymmetrisch. Indra, der nationale spanische FCAS-Koordinator, verlor am Tag vor der formalen Ankündigung 4,2 Prozent an der Madrider Börse (Cinco Días). Verteidigungsministerin Margarita Robles warf der Industrie vor, ihre Interessen über die europäische Sicherheit gestellt zu haben. Spanien war allerdings nur Juniorpartner und hatte begrenzten Einfluss auf den deutsch-französischen Bruch (Europapress).
Ein Teil des Projekts soll überleben: die Combat Cloud, also die vernetzte Architektur für Flugzeuge, Drohnen und Sensoren. Beide Regierungen bestätigten, dass dieser Strang weitergeführt werde; die Steuerung soll beim deutsch-französischen Ministerrat am 17. Juli geklärt werden (Tagesschau). Verträge und ein Finanzierungsrahmen existieren dafür bislang nicht.
Das parallele MGCS-Programm, der deutsch-französische Kampfpanzer der nächsten Generation, hat ebenfalls ein Jahrzehnt Verzögerung und keinen Prototyp vorzuweisen (Le Grand Continent). Deutschland muss nun zwischen Team Gen 6, einem späten Einstieg in GCAP oder dem Kauf zusätzlicher amerikanischer F-35 als Übergangslösung wählen (Defense News). Keiner dieser Wege liefert Europa vor den 2050er Jahren einen Kampfjet der sechsten Generation.
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