Nikosia knüpft €150bn-Fonds an Wiedervereinigung

A grid of conditions floats over the volatile waters of the Eastern Mediterranean.
Bildkomposition · tobriefVisafreiheit, ein modernisiertes Handelsabkommen, Migrationszusammenarbeit und Zugang zu einem Verteidigungsfonds von 150 Mrd. EUR: Die EU verfügt über mehrere Hebel gegenüber der Türkei. Zypern will jeden einzelnen davon an Fortschritte bei der Wiedervereinigung der Insel binden. Diese Forderung liegt nun in Brüssel auf dem Tisch, weil die UN-Zypernbeauftragte Maria Angela Holguin dort ausloten will, was die EU in den Verhandlungsprozess einbringen könnte (Cyprus Mail, Philenews).
Holguin ist drei Wochen lang zwischen Nikosia, Ankara und Athen gependelt, um eine mögliche „Fünf-plus-eins“-Konferenz vorzubereiten: die beiden zyprischen Gemeinschaften, Griechenland, die Türkei und das Vereinigte Königreich, unter Vorsitz von UN-Generalsekretär António Guterres. Das Verhandlungsformat liegt bei den Vereinten Nationen. Die Anreize, die Ankara bewegen könnten, liegen aber in Brüssel. Genau daran entzündet sich nun der Streit zwischen den EU-Hauptstädten.
Was Brüssel zurückhalten kann
Der europäische Hebel gegenüber der Türkei besteht aus vier Teilen. Erstens geht es um Handel, also um die Modernisierung der Zollunion, die den zollfreien Warenverkehr regelt. Zweitens um Reisen: Die Visaliberalisierung für türkische Staatsbürger ist seit Jahren blockiert, weil Ankara nicht alle Vorgaben erfüllt hat (Europäische Kommission). Drittens steht eine engere Zusammenarbeit in der Flüchtlingspolitik im Raum. Viertens geht es um Verteidigung: Die Türkei könnte Zugang zu SAFE erhalten, dem neuen EU-Instrument für Verteidigungsinvestitionen, das im Mai 2025 beschlossen wurde und Darlehen von bis zu 150 Mrd. EUR vorsieht (Rat der EU). Nicht-EU-Staaten können SAFE nur mit Zustimmung des Rates nutzen. Damit hat jeder Mitgliedstaat eine Sperrmöglichkeit.
Auch im seit langem festgefahrenen EU-Beitrittsprozess der Türkei ist der Hebel bereits angelegt. Acht Beitrittskapitel, also Verhandlungsschritte auf dem Weg zur Mitgliedschaft, bleiben eingefroren, solange Ankara sein Zollabkommen nicht auf Zypern ausweitet (Europäische Kommission). Die Bedingungen, um türkische Vorteile zurückzuhalten, existieren also längst. Offen ist, wer sie tatsächlich aktiviert.
Nikosia zieht am Hebel
Der zyprische Präsident Nikos Christodoulides hat im Juni versucht, genau das zu erreichen. Er traf den Präsidenten des Europäischen Rates, António Costa, um für eine EU-Rolle im UN-Prozess zu werben. Außenminister Constantinos Kombos sprach laut Proto Thema von einer bewussten „Verknüpfung“ zwischen den EU-Türkei-Dossiers und der Lösung des Zypernkonflikts.
Die rechtliche Formel dafür steht seit April 2024 in den Schlussfolgerungen des Europäischen Rates. Die EU-Staats- und Regierungschefs hielten damals fest, die Annäherung an die Türkei solle „schrittweise, verhältnismäßig und umkehrbar“ erfolgen (Europäischer Rat). Damit kann jedes Mitgliedsland ein Türkei-Dossier bremsen, indem es auf unerfüllte Bedingungen verweist. Zypern will diese Möglichkeit nutzen.
Frankreich stärkte Nikosias Position Anfang Juni zusätzlich durch ein Verteidigungsabkommen mit Zypern, das den französischen militärischen Zugang im östlichen Mittelmeer vertieft. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan protestierte öffentlich (Arab News). Paris behandelt Zypern damit als Sicherheitspartner. Nikosia versucht, diese Partnerschaft in politisches Gewicht in Brüssel zu übersetzen.
Die Hauptstädte, die Ankara brauchen
Nicht jede Regierung will die europäische Türkei-Agenda an die Zypernfrage koppeln. Deutschland braucht Ankara für Migrationssteuerung, Nato-Koordination und Stabilität im Nahen Osten (Bundesregierung). Berlin kritisiert die Türkei zwar wegen Verstößen gegen das Völkerrecht, sperrt sich aber gegen ein pauschales Einfrieren der Zusammenarbeit (taz). Italien wiederum hat im Mittelmeer energie- und sicherheitspolitische Interessen, für die die Türkei relevant bleibt, und lehnt es ab, jedes EU-Türkei-Dossier von Wiedervereinigungsgesprächen abhängig zu machen.
Der Konflikt ist strukturell: Die Staaten, die am stärksten auf Zypern-Konditionalität drängen, tragen nicht unbedingt die größten Kosten, wenn die Zusammenarbeit mit Ankara stockt.
Die türkische Antwort: keine Bewegung
Ankaras öffentliche Linie steht im Widerspruch zur UN-Grundlage einer bizonalen, bikommunalen Föderation, also eines gemeinsamen Staates mit zwei Gemeinschaften. Das türkische Verteidigungsministerium hält daran fest, nur eine Zwei-Staaten-Lösung könne den Konflikt lösen (Proto Thema). Das Außenministerium erklärte, Versuche, die Rechte der türkischen Zyprer zu übergehen, seien „inakzeptabel“ (Hürriyet Daily News). Als die Türkei Zypern von Vorbereitungstreffen zur Klimakonferenz COP31 ausschloss, rügten EU-Minister Ankara. Der Vorgang zeigte erneut, dass der Streit um Anerkennung fast jedes bilaterale Dossier überschattet (Internazionale/Reuters).
Eine belastbare türkische Aussage dazu, welchen EU-Vorteil Ankara gegen Bewegung in der Wiedervereinigungsfrage eintauschen würde, gibt es nicht.
Zypern übernimmt später in diesem Jahr die rotierende EU-Ratspräsidentschaft und kann damit die Tagesordnungen bei Verteidigung, Migration und der südlichen Nachbarschaft mitsteuern. Das ist nicht bloß Formalität: Wer die Agenda setzt, entscheidet, was wann beraten wird. Nikosia kann aber keine Abstimmungen erzwingen und andere Regierungen nicht überstimmen. Der UN-Sicherheitsrat berät am 16. Juli über Zypern (Cyprus Mail). Holguin kehrt Anfang Juli auf die Insel zurück.
Die Vereinten Nationen stellen den Verhandlungstisch. Die EU kontrolliert die Anreize, die um diesen Tisch herumliegen. Zypern versucht, beides fest miteinander zu verbinden. Ob das funktioniert, hängt am Ende davon ab, ob Ankara den Preis für hoch genug hält.
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