Neun Länder fordern Grenzaufschub

A digital tide of millions breaks against a border system designed for a trickle.
Bildkomposition · tobriefAls die EU ihr digitales Grenzsystem startete, galt die Sorge vor allem den jüngeren Schengen-Staaten. Sie, so die Annahme, würden mit der Technik am ehesten Schwierigkeiten haben. Neun Monate später zeigt sich ein anderes Bild. Kroatien, erst seit 2023 Teil des Schengen-Raums ohne Binnengrenzkontrollen, meldet einen weitgehend reibungslosen Betrieb des Entry/Exit System, kurz EES. Um schnelle Erleichterungen in Brüssel bitten dagegen Belgien, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Italien, Malta, die Niederlande und Portugal sowie die Schweiz (Euronews, Travel Tomorrow).
Das EES ersetzt die bisherigen Passstempel durch elektronische Ein- und Ausreisedatensätze für alle Reisenden aus Drittstaaten, die in den Schengen-Raum einreisen oder ihn verlassen. Bei der ersten Registrierung werden ein Gesichtsbild und Fingerabdrücke erfasst (EES-Verordnung). In Betrieb ging das System im Oktober 2025. Die Regeln stammen aus EU-Recht, die gemeinsame Datenbank wurde von der EU-IT-Agentur eu-LISA aufgebaut und betrieben, die konkrete Kontrolle an Flughäfen, Häfen und Landgrenzen liegt aber bei den nationalen Grenzbehörden. Diese Dreiteilung erklärt einen großen Teil der heutigen Probleme.
Fünf Stunden am Grenzschalter
Die erste biometrische Erfassung dauert nach französischen Betriebsschätzungen etwa 60 bis 90 Sekunden je Reisendem (Le Monde). In normalen Abläufen klingt das nach wenig. In der Sommerwelle großer Flughäfen reicht es, damit sich Warteschlangen schnell fortpflanzen: von der Passkontrolle zum Gate, von dort zu Anschlussflügen und Gepäckprozessen.
Französische Flughäfen meldeten Wartezeiten von bis zu fünf Stunden und verpasste Anschlüsse (Ouest-France). Am Flughafen Berlin Brandenburg warteten Nicht-EU-Reisende nach Angaben der Geschäftsführerin Aletta von Massenbach bis zu zwei Stunden (Berliner Zeitung). Auch griechische Inselflughäfen mit vielen britischen Urlaubern geraten unter Druck (The Guardian).
Was fehlt, ist eine belastbare öffentliche Datengrundlage. Es gibt keine schengenweite Übersicht über Wartezeiten, Ausfallquoten von Kiosken oder Fehlerquoten bei der Registrierung. Deshalb beruhen sowohl die Beschwichtigung, es handle sich nur um Anlaufschwierigkeiten, als auch die Behauptung eines flächendeckenden Systemversagens bislang eher auf Einzelfällen als auf überprüfbaren Zahlen.
Was die neun Länder wollen
Die neun Länder verlangen keine Abschaffung des EES. Ihr Antrag ist enger gefasst: Sie wollen eine von der Europäischen Kommission zum Start gewährte Übergangsregel verlängern. Diese erlaubt Grenzbeamten, die biometrische Erfassung bei extremer Überlastung vorübergehend auszusetzen, während Ein- und Ausreisen weiterhin elektronisch registriert werden. Die Frist läuft am 6. September aus (Connexion).
Die Kommission lehnt eine pauschale Aussetzung ab. Sie argumentiert, Verzögerungen seien vor allem auf nationale Personalengpässe zurückzuführen, nicht auf einen Konstruktionsfehler des gemeinsamen Systems (CNN Greece). Kroatiens Innenminister Davor Božinović stützt diese Linie. Sein Land habe sich ordentlich vorbereitet und sehe keine größeren Probleme. Für einen Staat, dessen Grenzfähigkeit vor dem Schengen-Beitritt jahrelang von älteren Mitgliedern geprüft und angezweifelt wurde, ist das eine durchaus spitze Botschaft: Das System funktioniert, wenn Regierungen ihre Hausaufgaben machen.
Die Gegenkritik setzt an einem anderen Punkt an. Alexander Zinell, Vorstandschef von Fraport Greece, bezeichnete das EES als grundsätzlich fehlerhaft und forderte eine umfassende Überarbeitung, einschließlich einer Vorabregistrierung vor der Reise statt der Erfassung erst am Grenzschalter (The Guardian, Newsbeast). In Griechenland kommt ein zweites Problem hinzu: zu wenige ausgebildete Grenzbeamte. Das ist kein EES-Problem im engeren Sinne, wird durch das neue System aber schärfer sichtbar (Dnews).
Was der September entscheidet
Der 6. September zwingt die Kommission zu einer Entscheidung. Läuft die Übergangsregel aus, müssen alle Schengen-Außengrenzen auch bei Spitzenlast die vollständige biometrische Ersterfassung durchführen. Wird sie verlängert, bleibt die Erfassung unter Druck faktisch disponibel. Genau das schwächt aber den Kern des EES: verlässliche, biometrisch abgesicherte Ein- und Ausreisedaten für jeden Drittstaatsangehörigen. Die Störungen dürften bereits dazu beigetragen haben, dass ETIAS, das separate System für Reisegenehmigungen vor der Abreise, wohl ins Jahr 2027 rutscht, auch wenn der offizielle EU-Zeitplan weiter Ende 2026 nennt (travel-europe.europa.eu, Euronews).
Die rechtliche Begründung für das EES ist stark, die sicherheitspolitische Logik ebenfalls. Der Schengen-Raum kann offene Binnengrenzen politisch nur tragen, wenn die Außengrenze einheitlich kontrolliert wird. Doch die EU hat eine gemeinsame Regel geschrieben und ihre Umsetzung 29 sehr unterschiedlichen Flughäfen, Häfen und Grenzübergängen überlassen. Dieselbe Verordnung erzeugt in Zagreb reibungslose Kontrollen und in Paris fünf Stunden Wartezeit. Diese Kapazitätslücke ist nun das Problem, auf das die Kommission eine Antwort geben muss.
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- 7/14/2026, 2:25:39 AM
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