PiS verknüpft Ukraine-Beitritt mit Wolhynien

The unexhumed past takes the form of a modern diplomatic barrier.
Bildkomposition · tobriefPolens wichtigste Oppositionspartei PiS macht aus einem historischen Streit ein europapolitisches Druckmittel. Die Erinnerung an die Massaker von Wolhynien rückt damit aus der polnisch-ukrainischen Vergangenheitsdebatte in den EU-Beitrittsprozess, in dem jeder Mitgliedstaat an mehreren Stellen blockieren kann.
Jarosław Kaczyński, der PiS-Vorsitzende, erklärte, die Ukraine könne der EU nicht beitreten, solange sie eine Verherrlichung Stepan Banderas dulde. Bandera war der Anführer ukrainischer Nationalisten, deren Bewegung mit Massentötungen an Polen während des Zweiten Weltkriegs verbunden ist. Przemysław Czarnek, PiS-Abgeordneter im Sejm, kündigte dazu einen Resolutionsentwurf an, der sich aus diesem Grund formell gegen eine EU-Mitgliedschaft der Ukraine richtet (RMF24).
Der Vorwurf ist nicht aus der Luft gegriffen. In den Jahren 1943 und 1944 töteten ukrainische nationalistische Formationen in Wolhynien, heute Teil der Westukraine, Zehntausende polnische Zivilisten. Familien wurden in Häusern und Kirchen verbrannt. Für viele Polen ist diese Geschichte nicht abgeschlossen: Opfer sind bis heute nicht exhumiert, und die öffentliche Verehrung Banderas als ukrainischer Nationalheld reißt die Wunde an jedem Jahrestag neu auf. Die PiS versucht nun, aus dieser Wunde eine Bedingung für den EU-Beitritt der Ukraine zu machen.
Warum die Vetomaschine zählt
Nach Artikel 49 des EU-Vertrags braucht jeder Beitritt die einstimmige Zustimmung im Rat, also der Regierungen aller Mitgliedstaaten, und anschließend die Ratifikation durch jedes nationale Parlament (EUR-Lex, Council). Die Beitrittsverhandlungen sind zudem in thematische Blöcke gegliedert, sogenannte Cluster. Die Mitgliedstaaten müssen jeweils zustimmen, wenn ein solcher Block geöffnet und wieder geschlossen wird. Polen könnte seine Zustimmung also schon lange verweigern, bevor ein endgültiger Beitrittsvertrag überhaupt den Sejm erreicht.
Die Erweiterungsmethodik der Europäischen Kommission behandelt auch gutnachbarschaftliche Beziehungen als politisch relevantes Kriterium (European Commission). Das ist kein harter Rechtsmaßstab wie die Übernahme des EU-Besitzstands, aber es liefert jedem Mitgliedstaat das Vokabular, um eine bilaterale Beschwerde als europäische Grundsatzfrage zu formulieren.
Ungarn hat bereits gezeigt, wie das funktioniert. Budapest ließ vorbereitende Arbeiten an einem ukrainischen Beitrittscluster zu, betonte aber zugleich, Vorbereitung sei nicht gleich Eröffnung, weil spätere Schritte weiterhin Einstimmigkeit verlangten (Világgazdaság, Euronews). Der ungarische Streitpunkt ist ein anderer, nämlich Minderheitensprachrechte in Transkarpatien. Die Methode ist dieselbe: Einstimmigkeit verwandelt ein nationales Anliegen in ein europäisches Tor.
Wer zahlt
Innenpolitisch gewinnt zunächst die PiS. Indem sie Kriegsverbrechen und EU-Beitritt miteinander verknüpft, zwingt sie Ministerpräsident Donald Tusk in eine schwierige Lage: Entweder wirkt er nachgiebig gegenüber dem Leid polnischer Opfer, oder er riskiert, die Unterstützung für die Ukraine im eigenen Land zu spalten. Tusk warnte die Opposition davor, „mit dem Feuer zu spielen“ (Respublika). Das größere Risiko liegt aber darin, dass Forderungen nach Exhumierungen und Würde für die Opfer parteiübergreifend zur polnischen Staatsposition werden. Aus einem Oppositionsmanöver würde dann ein dauerhaftes Hindernis für den ukrainischen Beitrittsweg.
Den höchsten Preis zahlt die Ukraine. Ihr EU-Weg ist ohnehin langsam; nun kommt ein Konflikt hinzu, der älter ist als die Union selbst. Deutsche Berichte brachten bereits eine „assoziierte Mitgliedschaft“ ins Spiel, um der Ukraine wirtschaftliche Integration zu ermöglichen, bevor die Vetoprobleme eines Vollbeitritts gelöst sind (Euronews DE). Das wiederbelebte Weimarer Dreieck, also das diplomatische Format zwischen Berlin, Paris und Warschau, könnte die politische Steuerung erleichtern. Die Einstimmigkeitsregel des Vertrags kann es aber nicht außer Kraft setzen (IPG Journal).
Litauische Analysen bewerten den Zusammenstoß gerade deshalb als gefährlich, weil Polen, Litauen und die Ukraine ihre Front gegenüber Russland eigentlich zusammenhalten müssen (LRT). Nach Angaben von LRT warf der ukrainische Geheimdienstchef Kyrylo Budanow Polen vor, eine „ganze Reihe unreifer Handlungen“ zur Eskalation des Streits vorzubereiten. Das zeigt, dass Kiew die Entwicklung nicht als parlamentarisches Nebenstück versteht, sondern als strategisches Risiko.
Die Entscheidung, die Tusk treffen muss
Polen hat die Ukraine nicht blockiert. Die PiS regiert nicht. Das Veto ist bislang Möglichkeit, nicht Tatsache. Doch der EU-Erweiterungsprozess erlaubt es Mitgliedstaaten eben, bilaterale Konflikte in Beitrittsbedingungen zu verwandeln, sobald sie ihre Forderungen in die Sprache von Werten, Rechten und guter Nachbarschaft kleiden. Am stärksten ist Polens Position dort, wo es um Exhumierungen und die Würde der Opfer geht. Am schwächsten ist sie dort, wo Warschau von Kiew die Übernahme einer polnischen Geschichtserzählung verlangt.
Tusk muss nun entscheiden, ob er die Eskalation der PiS begrenzt oder sie in die offizielle polnische Linie aufnimmt. Tut er Letzteres, gerät der EU-Weg der Ukraine in Geiselhaft nationaler Erinnerungspolitik. Dann entscheiden nicht nur die Kriterien, die Brüssel für den Beitritt entworfen hat, sondern eine Abfolge historischer Konflikte, die jeder Mitgliedstaat zu gegebener Zeit europäisieren kann.
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