Rumäniens Atomstrom fällt aus

A falling river now sets the limits of Romania’s power system.
Bildkomposition · tobriefRumänien hat binnen gut zwei Wochen seine gesamte Kernkraftproduktion verloren. Am 13. August wurde Block 2 des Kernkraftwerks Cernavodă vom Netz genommen, weil der Pegel der Donau unter die Schwelle gefallen war, die für die Kühlung der Reaktoren nötig ist (ABC News/AP, Digi24). Block 1 war bereits am 28. Juli aus demselben Grund abgeschaltet worden. Zusammen lieferten beide Reaktoren rund 1,4 Gigawatt grundlastfähigen Strom, also Leistung rund um die Uhr, und damit etwa ein Fünftel der rumänischen Stromerzeugung (Agerpres, Reuters via Global Banking & Finance). Diese Produktion liegt nun bei null.
Der technische Zusammenhang ist nüchtern, aber entscheidend. Kernkraftwerke erzeugen große Hitze, um Dampf für Turbinen zu produzieren; zugleich brauchen sie verlässliche Wassermengen, um die Reaktoren sicher zu kühlen. Sinkt der Flusspegel zu stark, kann der Betreiber die notwendige Wasseraufnahme nicht mehr gewährleisten. Die Reaktoren sind deshalb nicht beschädigt, sie dürfen nur nicht weiterlaufen.
Bukarest versuchte, den Ausfall mit Notarbeiten am Fluss zu verhindern. Mehr als 2 Mio. EUR flossen in Baggerarbeiten und in Lastkähne, die versenkt wurden, um die Strömung zum Ansaugbereich des Kraftwerks umzulenken (Al Jazeera, Firstpost). Es reichte nicht. Für Baziaș wurde der Abfluss der Donau bis zum 17. August mit rund 1.400 Kubikmetern pro Sekunde erwartet, etwa einem Drittel des August-Durchschnitts (Agerpres).
Nach Sonnenuntergang wird es eng
Die eigentliche Belastungsprobe beginnt abends. Tagsüber kann Solarstrom einen Teil der rumänischen Lücke schließen. Nach Sonnenuntergang fällt diese Erzeugung weg, während Klimaanlagen und Haushalte weiter Strom nachfragen. Dann muss Rumänien importieren.
Das Energieministerium erklärte, der abendliche Importbedarf könne 2.300 Megawatt erreichen; die grenzüberschreitende Leitungskapazität liege bei etwa 4.000 Megawatt (Digi24). Doch Leitungskapazität ist nur die Röhre, nicht das Wasser darin. Sie sagt, wie viel Strom technisch transportiert werden kann, aber nicht, ob Nachbarländer um 21 Uhr überhaupt Überschüsse zu verkaufen haben.
Die Anspannung war schon vor der vollständigen Abschaltung sichtbar. Am 5. August erreichte Rumäniens Abendnachfrage 7.675 Megawatt, während die heimische Erzeugung nur 5.321 Megawatt schaffte. Importe deckten fast 31 Prozent des Verbrauchs, und die Großhandelspreise für Lieferung am nächsten Tag waren um 48 Prozent auf rund 178 EUR je Megawattstunde gestiegen (Brussels Signal). Sollte sich die Lücke vergrößern, erlaubt der Notfallplan dem Netzbetreiber Transelectrica, große Industriekunden um 10 bis 30 Prozent zu drosseln und Stromexporte auszusetzen (Balkan Green Energy News).
Derselbe Fluss, dasselbe Problem, gemeinsame Rechnung
Auch Ungarns Kernkraftwerk Paks liegt an der Donau und stieß an dieselbe Grenze. Am 7. August produzierte Paks nur noch rund 230 Megawatt seiner 2.000 Megawatt installierten Leistung (HVG, kormany.hu). Damit fehlten Ungarn fast 1.770 Megawatt stetiger Erzeugung, während Rumänien zugleich seine eigene Kernkraft verlor.
Die Kosten zeigten sich schnell. Ungarns tägliche Nettoimportrechnung stieg von etwa 0,6 Mrd. Forint Ende Juli auf fast 4 Mrd. Forint Anfang August, weil das Land einen großen Teil seines Stroms in teuren Abendstunden einkaufen musste, als die Preise über 200 EUR je Megawattstunde lagen (Telex/G7, Portfolio). Das sind Großhandelspreise, also die Tarife, die Versorger und große Abnehmer an den Strommärkten zahlen. Sie landen nicht über Nacht auf den Haushaltsrechnungen, erhöhen aber die Kosten der Energieversorger, die sie später weitergeben dürften.
Rumänien und Ungarn kaufen damit zur gleichen Tageszeit in einer Region ein, die selbst weniger Reserve anzubieten hat. Aus nationalen Versorgungsproblemen wird so ein regionaler Preisdruck.
Wer gewinnt, wer zahlt
Kurzfristig profitiert vor allem Bulgarien. Das Kernkraftwerk Kozloduy nutzt Sprühbecken und Reservebrunnen zur Kühlung, also gespeichertes Wasser, das bei niedrigem Flusspegel Zeit verschafft. Energieministerin Iwa Petrowa meldete Exporte von 32.000 bis 33.000 Megawattstunden pro Tag; am 7. August seien etwa 1.355 Megawatt Richtung Rumänien geflossen (Club Z, economic.bg). Die bulgarischen Großhandelspreise stiegen auf 150 bis 170 EUR je Megawattstunde, nach 100 bis 120 EUR eine Woche zuvor (Mediapool). Sofia verkauft also in eine Knappheit hinein und erzielt Aufschläge.
Der Vorteil ist allerdings begrenzt. Bulgarische Stellen erklärten, Kozloduy könne bei den aktuellen Wasserständen noch ungefähr anderthalb Wochen weiterlaufen (BTA).
Die Verlierer sind zunächst rumänische und ungarische Industriekunden, denen Verbrauchskürzungen drohen, sowie Stromkäufer, die im Sommer plötzlich das Doppelte oder Dreifache üblicher Großhandelspreise zahlen. Hinzu kommen Steuerzahler, die Notarbeiten am Fluss finanzierten, welche die Abschaltungen verzögerten, aber nicht verhinderten.
Rumäniens Stromsystem steht deshalb nicht vor einem Blackout. Stabil bleibt es aber nur, wenn Windkraft weiter liefert, Wasserkraft innerhalb schrumpfender Grenzen verfügbar bleibt, Nachbarn Überschüsse verkaufen können und die Abendnachfrage beherrschbar bleibt. Genau darauf setzt Bukarest nun, während die Donau weiter niedrig bleibt.
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- 8/14/2026, 2:03:31 AM
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