Rumäniens Lohnreform gefährdet €770m

Romania reaches the deadline before its replacement power is ready.
Bildkomposition · tobriefRumäniens Übergangsministerpräsident Ilie Bolojan hat dem politischen Versagen seines Landes eine Zahl gegeben. Rumänien habe 770 Mio. EUR verloren, weil sich die Parteien nicht auf ein neues Gesetz für die Gehälter im öffentlichen Dienst einigen konnten, sagte er am 31. August. Hinzu kämen bis zu 100 Mio. EUR, die wegen weiterlaufender Kohlekraftwerke gefährdet seien, obwohl deren Stilllegung im europäischen Wiederaufbauplan vorgesehen war (HotNews). Seine Übergangsregierung trage für beides keine Verantwortung, sagte Bolojan.
Der 31. August war deshalb entscheidend, weil Rumänien bis dahin die Reformen aus seinem PNRR erfüllen musste, dem nationalen Plan im Rahmen der EU-Aufbau- und Resilienzfazilität nach der Pandemie. Über diese Fazilität vergibt die EU Zuschüsse und Kredite, aber eben nur gegen nachgewiesene Reformen und Investitionen (Leitlinien der Kommission zum Abschlussverfahren). Nun prüft die Europäische Kommission, was Rumänien tatsächlich geliefert hat und welche Beträge sie kürzt.
Drei Verluste, drei Gewissheitsgrade
Die Zahlen gehören auseinandergehalten, weil sie rechtlich nicht denselben Status haben.
Am klarsten ist der Betrag von 458,7 Mio. EUR. Diese Summe wurde Rumänien Anfang des Jahres endgültig aus dem dritten Zahlungsantrag gestrichen, nachdem vereinbarte Meilensteine nicht erfüllt worden waren und eine Aussetzungsfrist ablief (Agerpres, Radio Romania International). Dieses Geld ist weg.
Die 770 Mio. EUR sind dagegen zunächst ein politisches Eingeständnis, noch keine formelle Entscheidung der Kommission. Präsident Nicușor Dan sagte, die vier früheren Koalitionsparteien hätten sich nicht auf ein einheitliches Besoldungsgesetz einigen können und den Verlust gemeinsam akzeptiert (Agerpres, Spotmedia). Euronews und Bloomberg behandelten die Summe als erwarteten Verlust, nicht als bereits verbuchte Kürzung. Bis zum Ablauf der Frist hatte die Kommission keine Zahlungsentscheidung veröffentlicht.
Noch unsicherer ist die Kohleschätzung. Bolojan sagte, Rumänien könne bis zu 100 Mio. EUR verlieren, weil Braunkohlekraftwerke in Turceni und Craiova nicht wie geplant abgeschaltet worden seien (Digi24). Das ist eine Regierungsschätzung für eine Sanktion, deren Höhe die Kommission noch nicht festgelegt hat.
Bei der Kohle geht es um mehr als Geld
Das Besoldungsgesetz scheiterte an politischer Uneinigkeit. Kelemen Hunor von der UDMR argumentierte, ein schlechtes Gesetz dürfe nicht allein zur Sicherung von EU-Mitteln beschlossen werden (Kronika). Beim Kohledossier liegt das Problem anders: Rumänien versprach Stilllegungen, bevor Ersatzkapazitäten und Fernwärmelösungen fertig waren.
Bolojans eigene Erklärung lautete, die Alternativen rund um Craiova und im Jiu-Tal seien noch nicht bereit (HotNews). Werden Kohlekraftwerke geschlossen, bevor Ersatz für Strom und Wärme verfügbar ist, landen die Kosten bei Haushalten vor Ort und kommunalen Heizsystemen. Die Kommission kann den verfehlten Meilenstein als fiskalische Strafe beziffern. Eine verfrühte Stilllegung wäre aber ebenfalls eine Strafe gewesen, nur eben für die Menschen in den betroffenen Regionen.
Das Parlament hat diesen Zielkonflikt ausdrücklich gemacht. Eine PSD-Änderung knüpft Kohleschließungen nun daran, dass zuvor gleichwertige Ersatzkapazitäten gebaut werden. Die Kommission warnte, dies könne den bereits gebilligten Dekarbonisierungsmeilenstein im rumänischen Plan untergraben (Agerpres, Romania Insider). Eine nationale Regierung schrieb also einen ehrgeizigen Stilllegungsfahrplan in einen von der EU genehmigten Plan. Spätere Regierungen übernahmen ihn, obwohl die physische Infrastruktur dafür noch fehlte.
Rumänien steht damit nicht allein. In der Schlussphase der Aufbau- und Resilienzfazilität zeigt sich in mehreren Mitgliedstaaten, welche Zusagen auf dem Papier leichter waren als in der Umsetzung. Die EU hat keine Blankoschecks versprochen. Nach Artikel 24 der RRF-Verordnung kann die Kommission Teilzahlungen leisten, Beträge für nicht erfüllte Bedingungen aussetzen und Mittel am Ende kürzen, wenn der Nachweis ausbleibt (EUR-Lex, Erläuterung des Rates). Reformversprechen wurden zu durchsetzbaren Checklisten.
Wer zahlt, wenn Zuschüsse ausbleiben
Wenn EU-Zuschüsse nicht fließen, muss eine Regierung Ersatzmittel aufnehmen oder die finanzierten Projekte verschieben. Eine Analyse rumänischer Finanzministeriums-Daten kam zu dem Ergebnis, dass im ersten Halbjahr 2026 mehr als 70 Prozent der öffentlichen Investitionen aus EU-Zuschüssen und PNRR-Krediten stammten (Friendship Bridge). Fitch bewertet Rumänien mit BBB- und negativem Ausblick (Fitch Ratings). Für einen Schuldner knapp oberhalb des Ramschniveaus ist Ersatzfinanzierung eben nicht kostenlos.
Die Aufbau- und Resilienzfazilität hat damit genau das getan, wofür sie geschaffen wurde: Reformzusagen in fiskalische Konsequenzen übersetzen. Die Kommission kann jeden verfehlten Meilenstein bepreisen. Rumäniens Regierungen müssen ihren Wählern trotzdem erklären, warum sie Kohleschließungen zugesagt haben, bevor der Ersatz dafür bereitstand.
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- 9/1/2026, 2:05:57 AM
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