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EU_ECONOMICS05 / 08 · Geschichte des Tages3 Min. · 712 Wörter · 148 Quellen

Spaniens 15-GW-Solarboom legt Netz lahm

Geschrieben von KIto brief AI · 25. Mai 2026, 03:50
Wie sie entstand

Thousands of severed connections form a silent, saturated grid across the Andalusian desert.

Bildkomposition · tobrief
der Text · 3 Min. Lesezeit

Am 28. April 2025 brach um 12.33 Uhr das spanische Stromsystem zusammen. Innerhalb von fünf Sekunden verschwanden rund 15 Gigawatt Erzeugungsleistung aus dem Netz, also Strom in der Größenordnung von 60 Prozent des spanischen Verbrauchs. Mehr als 50 Millionen Menschen in Spanien und Portugal waren bis zu 16 Stunden ohne Strom (Gridradar, ENTSO-E Final Report). Der Ausfall zeigte, wie verwundbar ein Stromsystem wird, wenn der Ausbau der Erzeugung schneller vorankommt als die Steuerungsfähigkeit des Netzes.

Wie ein Stromnetz bricht

Das europäische Verbundnetz arbeitet mit 50 Hertz. Das heißt: Der Wechselstrom ändert 50-mal pro Sekunde seine Richtung. Konventionelle Kraftwerke wie Gas-, Atom- oder Wasserkraftwerke enthalten große rotierende Turbinen, die physisch an diesen Takt gekoppelt sind. Ihre Schwungmasse stabilisiert das System, weil sie bei Störungen für Sekundenbruchteile Energie im Netz hält und den Betreibern Zeit für Gegenmaßnahmen verschafft.

Solaranlagen haben diese rotierende Masse nicht. Sie speisen Strom über Wechselrichter ein, also über Leistungselektronik. Am Tag des Blackouts deckte Solarstrom 53 Prozent der spanischen Stromerzeugung (IEEE Spectrum). Damit war im System deutlich weniger physische Trägheit vorhanden als in einem Kraftwerkspark, der stärker von rotierenden Maschinen geprägt ist.

Der Abschlussbericht des Expertenpanels von ENTSO-E, dem europäischen Verband der Übertragungsnetzbetreiber, identifizierte jedoch nicht nur geringe Trägheit als Problem, sondern vor allem Spannungsinstabilität. Viele Solaranlagen im Süden Spaniens waren so eingestellt, dass sie Blindleistung automatisch und proportional einspeisten oder aufnahmen. Blindleistung ist jener Teil des Stromsystems, der keine nutzbare Arbeit verrichtet, aber die Spannung stabil hält. Wenn eine Anlage schwankte, verstärkten andere diese Schwankung. Konventionelle Erzeuger, die vertraglich zur Spannungsstützung verpflichtet waren, erfüllten diese Aufgabe dem Bericht zufolge nicht; einige hätten sogar in die falsche Richtung gewirkt (REE Report).

Der Netzausbau, den die Solarwelle überholte

Spanien nahm allein 2025 rund 8,8 Gigawatt neue erneuerbare Kapazität in Betrieb. Der Zubau konzentrierte sich auf Andalusien, Extremadura und Kastilien-La Mancha, also auf sonnenreiche Regionen mit vergleichsweise schwachen Leitungen zu den Verbrauchszentren im Norden. Red Eléctrica, der spanische Netzbetreiber, räumte später ein, dass der tatsächliche Solarausbau in diesen drei Regionen die Annahmen seiner Netzplanung für 2021 bis 2026 um 97 bis 118 Prozent übertroffen habe (Voz Pópuli). Mitte 2025 waren 83,4 Prozent der Netzknoten ausgelastet, konnten also physisch keine zusätzliche Erzeugung mehr aufnehmen (Alcircle).

Das Ministerium genehmigte die Anlagen. Der Netzbetreiber sollte prüfen, ob Anschlusskapazität vorhanden war. Offenbar fehlte eine wirksame Kontrolle, ob beide Seiten dieselbe Realität bewerteten. Ein Jahr später hat die spanische Regulierungsbehörde CNMC 66 Sanktionsverfahren eröffnet, aber noch keine endgültige Entscheidung getroffen (Brussels Signal).

Europas Lücke zwischen Zielen und Leitungen

Spanien ist ein besonders deutlicher Fall, aber kein Sonderfall. Die EU hat verbindliche Ausbauziele für erneuerbare Energien: Bis 2030 soll ihr Anteil 42,5 Prozent erreichen. Für Netzinvestitionen gibt es dagegen nur empfehlende Zielmarken. Kein EU-Gesetz schreibt vor, dass Netzverstärkung vor neuen Anschlüssen für erneuerbare Anlagen kommen oder wenigstens parallel erfolgen muss (Clean Energy Wire).

Die Europäische Kommission schätzt den Investitionsbedarf in die Stromnetze bis 2030 auf 584 Mrd. EUR. Derzeit liegen die Ausgaben bei etwa 23 Mrd. EUR pro Jahr, also bei weniger als der Hälfte des nötigen Tempos (European Commission, Eurelectric). Deutschland zeigt, was diese Lücke praktisch kostet: Netzbetreiber geben jährlich 2,7 Mrd. EUR für Redispatch aus. Dabei werden Kraftwerke gegen Entgelt herunter- oder hochgefahren, weil das Netz den Strom nicht dorthin transportieren kann, wo er gebraucht wird. Von den geplanten 16.800 Kilometern neuer Übertragungsleitungen sind erst 21 Prozent fertiggestellt (n-tv).

Wer zahlt

Am Ende zahlen die Verbraucher. Kosten für Netzengpässe landen über Netzentgelte in jeder Stromrechnung. In Spanien stiegen die regulierten Strompreise für Haushalte im Jahr nach dem Blackout um 13,2 Prozent, getrieben durch Notmaßnahmen zur Netzstabilisierung (Infobae). In Deutschland wird die Redispatch-Rechnung ebenfalls auf die Stromkunden verteilt.

Zu den Gewinnern zählen vorerst Solarentwickler, die früh ans Netz kamen, Förderungen sicherten und die Folgekosten der Netzintegration auf die Allgemeinheit verlagerten.

Das EU-Netzpaket vom Dezember 2025 beschleunigt Genehmigungen für erneuerbare Anlagen und Netze. Es enthält aber weiterhin keinen rechtlichen Mechanismus, der das Tempo des einen an die Einsatzbereitschaft des anderen koppelt. Elf Mitgliedstaaten, die zusammen 80 Prozent der europäischen Stromproduktion stellen, dürften das Interkonnektionsziel von 15 Prozent bis 2030 verfehlen (Ember). Europas Energiewende hängt damit weniger an der nächsten Solaranlage als an der Frage, ob die Leitungen, Umspannwerke und digitalen Steuerungssysteme schnell genug folgen.

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5/25/2026, 3:02:25 AM
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