Spaniens 9-Milliarden-Euro-Stromplan verfehlt Blackout-Ursache

A multi-billion euro investment in capacity builds a structure that cannot manage the flow.
Bildkomposition · tobriefDie Stromversorgung scheitert nicht nur daran, ob genügend Kraftwerke vorhanden sind. Sie hängt ebenso davon ab, ob das Netz Spannung und Lastflüsse in Echtzeit beherrscht. Genau an dieser zweiten Ebene brach Spanien im April 2025 ein.
Die Europäische Kommission hat vergangene Woche einen spanischen Kapazitätsmechanismus über 9 Mrd. EUR genehmigt. Kraftwerke sollen dafür bezahlt werden, in Zeiten hoher Nachfrage verfügbar zu bleiben. Madrid hatte den Plan bereits im Dezember 2024 in Brüssel angemeldet, doch der Blackout vom April 2025, der 50 Mio. Menschen vom Strom abschnitt, beschleunigte den politischen Zeitplan. Die technische Untersuchung kam jedoch zu einem anderen Befund: Auslöser war Spannungsinstabilität. Das Netz verlor die Kontrolle über den Stromfluss, nicht über die verfügbare Erzeugung. Kapazitätszahlungen beheben dieses Problem nicht.
Was die Ingenieure tatsächlich festgestellt haben
Als das spanische Netz am 28. April 2025 zusammenbrach, hatte das Land mehr als genug Erzeugungskapazität, um die Nachfrage zu decken. ENTSO-E, der Verband der europäischen Übertragungsnetzbetreiber, arbeitete in einer 472 Seiten langen Untersuchung heraus, was schiefgelaufen war. Gaskraftwerke lieferten demnach nicht die vertraglich zugesagte Blindleistung, also jene elektrische Stützfunktion, die die Spannung im Netz stabil hält. Solaranlagen wiederum konnten unter veralteten Anschlussregeln nicht zur Spannungsführung beitragen, obwohl sie technisch dazu in der Lage gewesen wären.
Keine der 21 Empfehlungen von ENTSO-E nennt Kapazitätsmechanismen. Die Clean Air Task Force weist darauf hin, dass solche Instrumente eben nicht auf jene Systemdienstleistungen zielen, die beim Blackout versagt haben. Der neue Mechanismus über 9 Mrd. EUR stellt sicher, dass genügend Megawatt bereitstehen. Er sagt nichts darüber aus, ob das Netz diese Leistung im laufenden Betrieb stabil steuern kann.
Wer kassiert, wer zahlt
Die jährlichen Programmkosten von 900 Mio. EUR (El País, Concurrences) sollen als regulierter Aufschlag auf den Stromrechnungen landen. Für einen typischen Haushalt im Standardtarif wären das nach Regierungsschätzungen rund 4 Cent pro Tag. Die Zahlungen erhalten jene Erzeuger, die Ausschreibungen des spanischen Netzbetreibers Red Eléctrica gewinnen.
Am stärksten dürften die etablierten Versorger profitieren. Iberdrola, Naturgy und Endesa erzielten im ersten Quartal 2026 zusammen 4,25 Mrd. EUR Gewinn, 27,2 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Dazu trugen auch Notmaßnahmen nach dem Blackout bei, die die Stromerzeugung aus Gas bevorzugten.
Die eigentliche Schieflage zeigt sich bei der Vergütung genau jener Dienstleistung, die im April 2025 fehlte. Gaskraftwerke erhalten 100 bis 200 EUR je Einheit Spannungsführungsdienstleistung, erneuerbare Anlagen etwa 1 EUR. Die spanische Energieregulierungsbehörde schlug vor, den Satz für Erneuerbare auf 2 EUR zu verdoppeln. Die Solarbranche forderte 50 EUR.
Spanien ist nicht das einzige Land mit dieser Fehldiagnose
In Europa fließen Kapazitätszahlungen seit Jahren vor allem an konventionelle Kraftwerke. Nach Aurora Energy Research gingen mehr als zwei Drittel von insgesamt 87 Mrd. EUR an europäischen Kapazitätszahlungen an thermische Erzeuger. Die Kosten steigen weiter. EU-weit liegen sie nach Angaben von ACER, der EU-Energieregulierungsbehörde, inzwischen bei 6,5 Mrd. EUR pro Jahr, ein Plus von 40 Prozent binnen eines Jahres.
Auch Deutschland arbeitet an einem eigenen Mechanismus. Der Bundesverband Neue Energiewirtschaft schätzt, dass sich die Kosten bis 2050 auf 340 bis 435 Mrd. EUR summieren könnten. Dass Auktionspreise zwischen den Mitgliedstaaten laut Bruegel um mehr als den Faktor zehn auseinanderliegen, spricht eher für politischen Handlungsdruck als für eine einheitliche technische Diagnose.
Gezieltere und billigere Korrekturen gibt es längst. Spanien änderte 2025 seinen Netzkodex, also das technische Regelwerk für den Anschluss von Kraftwerken ans Netz, damit Erneuerbare zur Spannungsführung beitragen können. Bis April 2026 hatten sich 14,5 GW für das Programm angemeldet, darunter 6 GW erneuerbare Kapazität. Die installierte Batteriespeicherkapazität stieg seit dem Blackout um 589 Prozent. Der Markt bewegte sich also auch ohne einen 9-Mrd.-EUR-Anstoß.
Spanien hat seine Netzregeln angepasst, um das technische Problem anzugehen. Gleichzeitig gibt das Land 9 Mrd. EUR aus, um ein politisches Problem zu beruhigen. Die Verbraucher zahlen am Ende für beides.
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