Händler sichern griechische Gasexporte

Commercial signals advance into the wilderness, reserving space for a flow yet to arrive.
Bildkomposition · tobriefGriechenland will im südosteuropäischen Gasmarkt mehr sein als ein Endpunkt für LNG-Lieferungen. Das Land soll über den sogenannten vertikalen Korridor Gas nach Norden leiten, also von griechischen Terminals und Netzen über Bulgarien weiter Richtung Rumänien, Ungarn und Slowakei. In den jährlichen Auktionen des griechischen Netzbetreibers DESFA wurden nun mehr als 45 Prozent der verfügbaren Exportkapazität Richtung Bulgarien für die kommenden vier Gasjahre gebucht (in.gr, iefimerida).
Die Käufer, DEPA Commercial, der wichtigste griechische Gashändler, und Atlantic SEE LNG Trade, zahlen damit nicht für eine politische Absichtserklärung, sondern für mehrjährige Nutzungsrechte auf einer Route, die nicht-russisches Gas nach Südosteuropa bringen soll. Das Volumen bleibt überschaubar: Nach Angaben von iefimerida geht es um rund 13.000 Megawattstunden pro Tag. Trotzdem ist eine Kapazitätsbuchung über mehrere Jahre ein stärkeres Marktsignal als ein einzelnes Spotgeschäft. Sie zeigt, dass Händler die Strecke für hinreichend glaubwürdig halten, um Kapital zu binden. Sie beweist aber noch nicht, dass damit schon Energieunabhängigkeit entsteht.
Man kauft die Spur, nicht das Gas
Eine Kapazitätsauktion verkauft kein Gas. Sie verkauft das Recht, einen Ein- oder Ausspeisepunkt im Leitungsnetz zu nutzen. Die Vergabe solcher grenzüberschreitenden Transportrechte ist in der EU über den sogenannten CAM-Netzkodex standardisiert (EU CAM network code). Praktisch ist das wie eine reservierte Fahrspur auf einer Autobahn: Der Platz auf der Strecke ist gesichert, aber Auto, Treibstoff und Ziel fehlen noch.
Damit Gas tatsächlich fließt, braucht ein Händler weiterhin einen Verkäufer, einen Käufer und für jeden Abschnitt der Route die nötigen Anschlussrechte. Er muss die Lieferung am Vortag nominieren, also dem Netzbetreiber verbindlich anmelden, und das Gas am Ende zu einem Preis absetzen können, der sich gegen andere Lieferquellen rechnet. Gebuchte Kapazität kann als Absicherung dienen, teilweise genutzt werden oder wirtschaftlich wertlos werden, wenn die Preisunterschiede zwischen den Märkten verschwinden.
Bulgarien bekommt Gas, doch weiter nördlich entscheidet der Preis
Der belastbarere Teil der Geschichte liegt eine Grenze südlich von Bulgarien. Das Land erhält bereits nicht-russisches Gas über griechisch angebundene Infrastruktur. Der Interkonnektor Griechenland-Bulgarien, kurz IGB, transportiert 3 Milliarden Kubikmeter pro Jahr; ein Ausbau auf bis zu 5 Milliarden Kubikmeter ist geplant (ICGB). Die bulgarische Regulierungsbehörde KEVR setzte den regulierten Gaspreis für Juli auf 37,70 EUR je Megawattstunde fest, noch ohne Netzentgelte, Transporttarife, Verbrauchsteuern und Mehrwertsteuer (KEVR, Fakti). Dieser Preis beruht bereits auf einem Liefermix, der aserbaidschanisches Pipelinegas und per Auktion beschafftes LNG umfasst.
Die Leitungen sind also da. Offen ist, ob der Preisfall weiter nördlich aufgeht. LNG, das an einem griechischen Terminal ankommt, muss regasifiziert, ins griechische Netz eingespeist, zur bulgarischen Grenze transportiert und anschließend durch Rumänien, Ungarn oder die Slowakei weitergeleitet werden. An jeder Grenze kommt ein regulierter Transporttarif hinzu (EU tariff network code). Aus einer politischen Diversifizierungserzählung wird damit Schritt für Schritt eine Preisrechnung.
Nach Angaben von Serbia Energy lag Bulgariens regulierter Preis rund 4 EUR je Megawattstunde unter den TTF-Futures. TTF ist der europäische Großhandelsreferenzpreis für Gas am niederländischen Handelspunkt. Bis dieses Gas eine Fabrik in Ungarn oder der Slowakei erreicht, können Transportkosten diesen Vorteil vollständig aufzehren.
Ungarn und die Slowakei bleiben nach Angaben von ACER und Euronews zu etwa 70 bis 80 Prozent von russischem Gas abhängig, vor allem über die TurkStream-Leitung (ACER, Euronews). Der slowakische Versorger SPP beschreibt Diversifizierung vor allem als Sicherheitsinstrument, nicht als Kostensenkungsprogramm (SPP). Alternative Routen geben diesen Ländern Verhandlungsmacht und eine Absicherung für Krisenfälle. Billigeres Gas liefern sie bislang wohl nicht.
Optionen statt Unabhängigkeit
Russisches Gas deckt noch immer etwa 12 Prozent der EU-Nachfrage. Die Juli-Auswertung von ACER ergab, dass russische Pipelineimporte Anfang 2026 um 7 Prozent und LNG-Lieferungen um 11 Prozent gegenüber dem vorangegangenen Zeitraum gestiegen seien (MondoVisione, ACER). Die Abhängigkeit ist also geringer geworden, aber sie ist nicht verschwunden. Die Gas-Koordinierungsgruppe der Europäischen Kommission meldete zugleich keine unmittelbaren Sorgen um die Versorgungssicherheit (European Commission). Das senkt den Druck, jeden verfügbaren Korridor sofort auszunutzen.
Die DESFA-Auktion ist deshalb ein messbares Zeichen dafür, dass Südosteuropa die Infrastrukturrechte kauft, um die russische Abhängigkeit zu lockern. Händler reservieren Kapazität, weil die Route kommerziell ernst genommen wird. Vollendet ist die Diversifizierung damit nicht. Entscheidend bleiben zwei Nachweise: erstens physische Flussdaten von ENTSOG, die zeigen, dass gebuchte Kapazität tatsächlich zu Lieferungen nach Norden über Rumänien und Ungarn wird; zweitens ein Kostenvergleich, der belegt, dass diese Route mit bestehenden russischen Lieferwegen preislich konkurrieren kann und nicht nur sicherheitspolitisch sinnvoll ist.
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- 7/7/2026, 2:52:00 AM
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