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EU_ECONOMICS12 / 18 · Geschichte des Tages3 Min. · 717 Wörter · 30 Quellen

Trump droht mit 100%-Zöllen auf Wein

Geschrieben von KIto brief AI · 16. Juni 2026, 03:50
Wie sie entstand

A luxury export becomes the unintended vessel for a digital trade war.

Bildkomposition · tobrief
der Text · 3 Min. Lesezeit

Eine französische Abgabe auf Digitalumsätze und amerikanische Zölle auf Champagner gehören inzwischen zum selben transatlantischen Konflikt. Trump drohte, französischen Wein und Champagner mit 100 Prozent zu verzollen, falls Paris seine Digitalsteuer nicht abschafft. Diese Steuer greift bei Umsätzen, die große Plattformen mit französischen Nutzern erzielen, und knüpft damit nicht klassisch am Unternehmensgewinn an (Euronews, Europa Press). Eine formelle Handelsanordnung der Vereinigten Staaten gibt es bislang nicht. Die Drohung trifft die Branche aber schon in einer Lage, in der EU-Weine in den USA bereits mit 15 Prozent belastet werden, nach zuvor 10 Prozent (CNBC, Euronews).

Ein Streit zwischen Regierungen, bezahlt von Landwirten

Frankreich nimmt mit seiner Digitalsteuer nach häufig zitierten, aber nicht unabhängig überprüften Haushaltszahlen rund 700 Mio. EUR im Jahr ein (Mashable). Betroffen sind Unternehmen mit mindestens 750 Mio. EUR weltweitem Umsatz und 25 Mio. EUR digitalem Umsatz in Frankreich (CIAT, tagesschau). Die meisten Firmen oberhalb dieser Schwellen stammen aus den Vereinigten Staaten. Washington nennt die Steuer deshalb diskriminierend. Paris hält dagegen, sie schließe eine Lücke, die das stockende OECD-Projekt Pillar One hinterlassen habe. Dieses Abkommen soll Besteuerungsrechte stärker den Ländern zuweisen, in denen Plattformen ihre Erlöse tatsächlich erzielen, statt nur den Staaten, in denen sie ihren Sitz haben (Gov.je, Taxspoc).

Beide Positionen haben Substanz. Das alte Unternehmenssteuerrecht erfasst digitale Wertschöpfung schlecht, wenn Plattformen in einem Land Millionen Nutzer haben, dort aber kaum physisch präsent sind. Zugleich treffen die französischen Schwellenwerte ganz überwiegend Konzerne mit Hauptsitz in den USA, was Trumps Diskriminierungsvorwurf innenpolitisch leicht vermittelbar macht. Die Gegenmaßnahme richtet sich nun nicht gegen Tech-Konzerne, sondern gegen Wein, weil Alkohol teuer, markenabhängig und als französisches Symbol politisch brauchbar ist.

Die französischen Wein- und Spirituosenexporte in die Vereinigten Staaten sind nach Angaben des Exportverbands FEVS schon im vergangenen Jahr um 21 Prozent gefallen. Das lag nicht allein an Zöllen; schwächere Nachfrage und Lagerabbau spielten ebenfalls eine Rolle. Ein Zoll von 100 Prozent würde den Preis, den amerikanische Importeure vor eigenen Aufschlägen zahlen, faktisch verdoppeln. Aus einem schmerzhaften Rückgang könnte damit ein Markteinbruch werden (Comercio.gob.es, CNBC).

Die Kosten enden nicht an Frankreichs Grenze

Da Handelspolitik in der EU-Gemeinschaftskompetenz liegt, wird ein Zoll gegen französische Waren automatisch zum Konflikt mit Brüssel, nicht nur mit Paris (tagesschau, Deutsche Welle). Wenn Wein als Druckmittel gegen Frankreich funktioniert, kann dasselbe Muster auch andere Mitgliedstaaten treffen.

Italien spürt diese Verwundbarkeit bereits. Die italienischen Weinexporte in die USA sanken im ersten Quartal 2026 im Jahresvergleich um 20,5 Prozent auf 407,9 Mio. EUR. Spirituosen fielen um 35 Prozent (WineNews, Federvini). Spanien, das Wein im Wert von 331 Mio. EUR in seinen wichtigsten Absatzmarkt außerhalb der EU lieferte, verzeichnete einen Rückgang der Käufe um 15 Prozent. Madrid reagierte mit einem ICEX-Plan, einem staatlich unterstützten Exportprogramm, das den 500 gegenüber dem US-Handel am stärksten exponierten spanischen Unternehmen Marktinformationen und Hilfe bei der Diversifizierung bietet (EFEagro, Ministerio de Economía).

Irlands Risiko liegt anders. Dort sitzen die europäischen Zentralen vieler amerikanischer Technologiekonzerne, die Frankreich besteuern will. Regierungsschätzungen zufolge könnte das Bruttoinlandsprodukt bei breiten amerikanischen Zollszenarien um 2,75 bis 4 Prozent fallen, die Beschäftigung um 2,5 bis 3,25 Prozent. In exponierten Sektoren arbeiten 110.000 bis 160.000 Menschen (RTÉ, The Irish Times). Dublins Sorge gilt daher nicht dem Wein. Sie gilt dem Muster, dass jeder europäische Versuch, amerikanische Plattformen zu besteuern oder zu regulieren, Vergeltung gegen irgendeinen politisch passenden Exportsektor auslösen könnte.

Deutschland wählt bislang Vorsicht. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche wies Forderungen aus der SPD-Bundestagsfraktion nach einer deutschen Digitalsteuer zurück und setzt auf Deeskalation, statt Berlin in dieselbe Konfliktlinie zu bringen (tagesschau).

Was offen bleibt

Die wichtigste Unbekannte ist, ob der 100-Prozent-Zoll tatsächlich verhängt wird. Solange keine formelle Anordnung des USTR, der amerikanischen Handelsbehörde für die Umsetzung präsidialer Zollentscheidungen, vorliegt, bleibt es bei politischem Druck. Die zweite Unbekannte ist, ob Pillar One der OECD noch ein Abkommen hervorbringt, das nationale Digitalsteuern entbehrlich macht. Seit Jahren kommt dieser Prozess nur langsam voran.

Die Kostenverteilung ist schon jetzt ungleich. Die Digitalsteuer wird von Regierungen beschlossen und zielt auf Plattformkonzerne. Die Vergeltungsdrohung trifft Beschäftigte in der Champagne, Importeure in New York und Weinregionen in Südeuropa, die mit der Steuerpolitik nichts zu tun hatten. Regierungen und Technologiekonzerne streiten über die Architektur des Steuerrechts. Agrarische Exporteure tragen das Risiko. Dieses Muster gilt unabhängig davon, ob der konkrete Zoll am Ende in Kraft tritt.

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6/16/2026, 3:27:29 AM
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