Ukraine greift Moskauer Region mit Rekordzahl von 556 eigenen Langstreckendrohnen an

Thousands of European financial signatures carpet the debris of Russia’s energy infrastructure.
Bildkomposition · tobriefDrei Jahre lang hing die ukrainische Fähigkeit zu Schlägen tief im russischen Hinterland vor allem von westlichen Freigaben ab. In der Nacht zum 17. Mai griff die Ukraine nun die Region Moskau und 13 weitere russische Gebiete mit nach russischen Angaben 556 abgefangenen Drohnen an, dem größten Luftangriff auf den Großraum Moskau seit mehr als einem Jahr. Zu den Zielen zählten das Angstrem-Halbleiterwerk in Selenograd, die Moskauer Ölraffinerie und zwei Treibstoffpumpstationen. Mindestens drei Menschen kamen ums Leben.
Alle eingesetzten Drohnen stammten aus ukrainischer Produktion. Damit umging Kiew die politischen Beschränkungen, die an westliche Waffenlieferungen geknüpft sind. Die Vereinigten Staaten verlangen für jeden Einsatz von ATACMS-Raketen eine Genehmigung des Pentagons. Großbritannien untersagte zunächst Angriffe mit Storm-Shadow-Marschflugkörpern auf russisches Staatsgebiet. Deutschland lieferte Taurus-Marschflugkörper gar nicht erst. Solche Endverbleibsklauseln, also bilaterale Rechtsbedingungen, mit denen Geberstaaten ein Vetorecht über Ziele behalten, setzten bisher enge Grenzen für ukrainische Langstreckenschläge. Dieses westliche Kontrollmonopol ist nun gebrochen.
Die Ukraine baut sich ihre eigene Reichweite
Die ukrainische Langstreckendrohnenflotte umfasst mindestens zehn verschiedene Systeme. Verifizierte Angriffe reichen bis zu 1.750 Kilometer tief nach Russland, etwa in Richtung Jekaterinburg und Tscheljabinsk. Der Nationale Sicherheits- und Verteidigungsrat der Ukraine spricht von Einsatzreichweiten von mehr als 2.000 Kilometern. Das monatliche Startvolumen stieg von 110 Drohnen im Januar 2024 auf mehr als 7.000 im März 2026. Über die Ziele entscheidet Kiew allein.
Militärisch ersetzen diese Drohnen westliche Marschflugkörper nur teilweise. Sie sind langsamer, tragen kleinere Sprengköpfe und haben gegen gehärtete Anlagen größere Probleme. Politisch aber hat sich der Abstand geschlossen. Die Ukraine will westliche Raketen weiterhin, gerade für schwer geschützte Ziele. Für alles andere braucht sie die Erlaubnis ihrer Partner nicht mehr in gleicher Weise.
Europa finanziert den Umweg und wird selbst zum Ziel
Europäische Regierungen haben ihre Unterstützung leise verschoben: weg von der bloßen Lieferung eigener Systeme, hin zur Mitproduktion ukrainischer Waffen. Deutschlands Abkommen „Brave Germany“, unterzeichnet am 11. Mai, sieht 4 Mrd. EUR vor, unter anderem für die gemeinsame Entwicklung von Drohnen mit Reichweiten von bis zu 1.500 Kilometern; Zielbeschränkungen werden nicht genannt. Berlin finanzierte zudem 500 Einheiten der AN-196 Liutyi, der wichtigsten ukrainischen Langstreckendrohne. Großbritannien sagte 120.000 Drohnen im Rahmen eines Vertrags über 752 Mio. Pfund zu. Die EU stellte im September 2025 6 Mrd. EUR für die ukrainische Drohnenproduktion bereit.
Indem europäische Staaten Produktion finanzieren statt eigene Waffen zu übertragen, vermeiden sie Endverbleibsvetos. Zugleich erhöhen sie das Risiko direkter russischer Gegenmaßnahmen gegen ihre eigene Rüstungsindustrie. Das russische Verteidigungsministerium erklärte im April 21 europäische Drohnenhersteller, darunter Firmen in München und Hanau, zu „legitimen militärischen Zielen“. Der deutsche Inlandsnachrichtendienst warnt, Russland nutze organisierte Kriminalität und im Internet angeworbene Agenten für Sabotageoperationen; Verbindungen nach Deutschland seien bestätigt.
Die physische Ausweitung
Neben der rüstungsindustriellen Verwundbarkeit gibt es eine unmittelbarere Entwicklung: Der Krieg rückt physisch an die NATO-Grenzen heran. In derselben Woche wie der Drohnenschlag auf Moskau trafen russische Drohnen Uschhorod und Mukatschewo in Transkarpatien, der westlichsten Region der Ukraine an der Grenze zu Ungarn und der Slowakei. Ungarns neue Außenministerin bestellte den russischen Botschafter ein und nannte Angriffe auf ungarisch besiedelte Gebiete „völlig inakzeptabel“. Es war die erste solche diplomatische Konfrontation mit Moskau unter der Tisza-Regierung nach Orbán.
Die Slowakei schloss alle Grenzübergänge zur Ukraine für zwei Stunden. Finnland sperrte seinen südlichen Luftraum, nachdem ukrainische Drohnen, offenbar durch russische elektronische Kampfführung abgelenkt, in Richtung Helsinki drifteten; es war der dritte Vorfall dieser Art. In Rumänien stürzte im April eine russische Geran-2-Drohne mit scharfer Sprengladung auf ein Wohngrundstück in Galați. Seit Januar wurden auf rumänischem Gebiet 14 russische Drohneneintritte registriert.
Was offen bleibt
Die tatsächliche russische Abfangquote lässt sich nicht unabhängig überprüfen. Moskau behauptet nahezu vollständigen Erfolg, doch Drohnentrümmer am Flughafen Scheremetjewo und Verletzte nahe der Moskauer Ölraffinerie sprechen dafür, dass nicht alles abgefangen wurde. Ob die ukrainische Reichweite von 2.000 Kilometern im Routineeinsatz erreicht wird oder eher eine Konstruktionsobergrenze bei reduzierter Nutzlast ist, bleibt unter Verteidigungsanalysten umstritten.
Die größere Frage hat Europa bisher nicht beantwortet: Wenn Staaten Waffen mitfinanzieren und mitproduzieren, die Moskau treffen, was genau unterscheidet sie dann noch von einer Konfliktpartei? Russland hat seine Antwort bereits gegeben: eine Zielliste mit europäischen Adressen.
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